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Frankfurter Allgemeine Zeitung
Donnerstag, 7. Juli 2005

Statt wild zu rudern – sitzenbleiben

Warum der Rollausleger im Spitzensport nicht zum Zuge kommt

Ausnahmesportler in einem Ausnahmeboot – Peter-Michael Kolbe mit dem Rollausleger-Einer. Foto: Sven Simon
Ausnahmesportler in einem Ausnahmeboot – Peter-Michael Kolbe mit dem Rollausleger-Einer. Foto: Sven Simon

Im Rudersport haben sie schon Anfang der achtziger Jahre für Aufsehen gesorgt und sich trotzdem bis heute nicht durchgesetzt. Denn die Rollausleger haben einige Vorteile, sind aber umstritten. „Im Gegensatz zum beweglichen Rollsitz ist der Sitz fest, und Ausleger und Schuhe bewegen sich“, erklärt Helmut Empacher, Geschäftsführer der Bootswerft Empacher GmbH aus Eberbach. Empacher ist bei Booten für den Rudersport weltweit führend, denn der Empacher-Bootsanteil entsprach nach Auskunft des Unternehmens alleine bei den vergangenen Olympischen Spielen in Athen 55 Prozent. Angeblich wurden bisher schon mehr als 500 Medaillen in Empacher-Booten gewonnen. „Aber wir machen höchstens 10 Prozent Gewinn jährlich, da Bootsbau ein großer internationaler Wettbewerb ist und es keine Patente gibt“, relativiert er den Erfolg. Dennoch, Empacher ist auch ohne staatliche Zuschüsse erfolgreich und wettbewerbsfähig gegenüber der FES, einem Institut des Deutschen Sportbundes zur Forschung und Entwicklung von Sportgeräten. „Auch bei einer Erlaubnis für Rollausleger hätten wir nicht mehr Gewinn gehabt. Ein Boot kostete damals mehr, aber das waren alleine die höheren Materialkosten.“

Der internationale Rudersportverband FISA (Fédération Internationale des Sociétés d’Aviron) entschloß sich ohnehin zu einem Verbot des Rollauslegers für internationale Meisterschaften und verlängerte die bis zum 31. Dezember 1983 befristete Erlaubnis für Rollausleger im Einer nicht mehr; man befürchtete eine für kleinere Verbände ruinöse Materialschlacht. Sie hätten alle Boote neu kaufen müssen, denn Rollauslegerboote haben entscheidende Vorteile: Da der Ruderer immer in der gleichen Position sitzt, findet keine Schwerpunktverschiebung zur Längsachse des Bootes statt. Deshalb läuft das Boot ruhiger. Außerdem muß der Ruderer sein eigenes Körpergewicht nicht bei jedem Zug beschleunigen und abbremsen. Er kann somit mehr Kraft für den Vortrieb aufbringen. „Allerdings ist dies nur für Sportler mit kurzem Oberkörper und langen Extremitäten ein Vorteil, womit die asiatischen Aktiven mit ihrem Körperbau benachteiligt wären“, sagt Klaus Filter, damaliger Vorsitzender der Materialkommission der FISA. „Und da für diese Länder auch aus Kostengründen eine Umrüstung aller Boote im Rennsportbereich nicht möglich war, wären Ruderwettkämpfe im Spitzenbereich auf europäische Teilnehmer beschränkt gewesen.“ Das sei es nicht wert, nur für die Technik einen Sport zu opfern. „Auch wenn es schade um die Idee ist.“ Denn Rudern ist mit rund 550 Athleten nach Leichtathletik und Schwimmen die drittstärkste Sportart bei den Olympischen Spielen. Es gehört bei allen regionalen Wettkämpfen auf allen Kontinenten zum festen Programm, auch wenn die europäischen Sportler die eindeutige Spitze bilden.

Erfunden wurde der Rollausleger ebenfalls in Europa, genauer gesagt in England von James Pacher, und am 11. Dezember 1883 als Patent angemeldet. Doch zuerst ließ sich diese Idee aufgrund des noch nicht weit genug entwickelten und zu schweren Materials nicht erfolgreich umsetzen. Erst viele Jahre später wurde sie wieder aufgegriffen. Der Bootsbauer Leo Wolloner konstruierte für die Bootswerft Empacher ein solches Boot, in dem Peter-Michael Kolbe 1981 Weltmeister wurde.

Wenn man bedenkt, daß der Preis für die Sportboote von 5000 bis 6000 Euro für einen Einer bis zu etwa 30000 Euro für einen Achter reicht und ein Boot bis zu zehn Jahre international genutzt werden kann, wird schnell deutlich, wie teuer eine Umstellung gewesen wäre. Im übrigen hätten Rollauslegerboote damals noch 20 Prozent mehr gekostet, heute ist der Aufpreis deutlich geringer.

„Natürlich ist so an den Bootswerften ein großes Geschäft vorbeigegangen“, behauptet Filter. Aber für den Sport kann es sich eigentlich nur positiv ausgewirkt haben, weil weiterhin alle Sportler die Möglichkeit haben, an der Spitze mitzurudern. „Schwerwiegende Verluste können die Werften jedoch durch die kurze Zeit, in der Rollausleger noch erlaubt waren, nicht gehabt haben“ meint er weiter. Denn es seien damals nur wenige Exemplare gebaut worden, und nur in der alten Bundesrepublik.

Das bestätigt auch Empacher: „Das Produkt befand sich noch in der Anlaufphase – und da hat man erst einmal mit Verlusten zu kämpfen. Allerdings war es eine gute Werbung für die Werft“ – genauso wie die Wiederauferstehung der Rollausleger 2003. Damals wurde bekannt, daß Marcel Hacker ein Rollauslegerboot für Trainingszwecke einsetzt, um seine Rudertechnik zu verbessern. Er selbst findet entgegen aller Theorie, daß ein herkömmliches Boot besser läuft – doch zum Üben der Technik sei der Rollausleger ideal.
10 bis 15 Prozent der Einer, die die Empacher Werft verkauft, sind trotz des Verbotes Boote mit Rollauslegern; das sind immerhin etwa 20 Stück im Jahr. Diese werden zu Trainingszwecken eingesetzt. „Es macht nicht mehr Arbeit, diese Boote anzufertigen“, sagt der Werftchef, denn Bootswerften bauten ohnehin individuell für die Kunden.

Allerdings glaubt Empacher nicht, daß das Verbot aus finanziellen Gründen aufgestellt wurde. Denn im Spitzenbereich wird mindestens in jedem zweiten Jahr ein neues Boot gekauft. Es sei eine politische Entscheidung gewesen, weil die ehemaligen Ostblocknationen Neuerungen generell ablehnten.
Argumente gibt es viele. Aber heutzutage ist man im Osten nicht mehr so konservativ, und die Vereine haben mehr Geld. Eigentlich steht einer Aufhebung des Verbotes nichts mehr im Wege. Hier widerspricht Filter: „Doch. Die biomechanischen Probleme bleiben ja.“ Auch Empacher meint, daß gar nicht so viel Interesse am neuen Boot bestehe; viele Ruderer hätten im Boot mit Rollauslegern Probleme mit ihrem Gesäß.

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