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Frankfurter Allgemeine Zeitung
Donnerstag, 17. Dezember 2009 |
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Hallig-Postfahrer Fiete Nissen lässt die Seele baumeln.
Foto AP |
Die Christen bäumen sich auf
Ob aus dem Wald oder dem Internet – eines ist gewiss: Nach dem 24. Dezember kauft den Weihnachtsbaum erst mal niemand mehr.
Jedes Jahr um die Weihnachtszeit kann man den immergrünen Baum in den deutschen Wohnzimmern finden. Kurz vor dem Fest wird er liebevoll mit Sternen, Kerzen und Kugeln geschmückt, bevor er alle Blicke auf sich zieht. Der Weihnachtsbaum hat eine große Karriere hinter sich. Seine Anfänge liegen im Dunkeln. Im 16. Jahrhundert wurden die ersten Bäume im Elsass aufgestellt, doch erst ab Mitte des 19. Jahrhunderts konnte sich der Christbaum langsam als festes Symbol für die Advents- und Weihnachtszeit etablieren. Tannenbäume wurden damals mit Süßigkeiten, Nüssen und Früchten behängt. Besonders für Familien mit Kindern ist er mittlerweile unverzichtbar geworden, sodass laut einer Umfrage des Informationszentrums Nordmanntanne neun von zehn Haushalten mit mehr als drei Personen einen Baum aufstellen.
Kurz vor Weihnachten wird der Baum zum wichtigen Wirtschaftsfaktor. Hans- Lothar Werth erkannte früh, dass ihn nicht jeder selbst aus dem Wald holen will. Im Jahr 1974 gründete er sein Unternehmen Forsttechnik Werth, das jetzt „Weihnachtsbaum.de“ heißt und vom Firmensitz in Wadern aus seit 1995 Bäume über das Internet verkauft. Sein Unternehmen ist nach eigenen Angaben der größte Weihnachtsbaumversender in Europa, bei dem man über das Internet seinen fast perfekten Baum bestellen kann. Werth erinnert sich: „Weihnachtsbaum.de hat die Entwicklung von Anfang an und als Pionier in Europa seit 1995 mitgestaltet. Einen weiteren Entwicklungsschub gibt es von den Kunden, die uns an ihre Bekannten und Freunde weiterempfehlen. Außerdem hat sich die Internetgemeinde von 1995 bis 2009 rasant vergrößert. Deshalb ist es kein Wunder, dass wir jedes Jahr eine Zunahme der Bestellungen verzeichnen können.“ Mittlerweile beschäftigt sein Unternehmen mehr als 100 Personen in der Saison. Für die Kunden hat der Versandhandel Vorteile, da die Bäume frisch sind, denn was morgens bestellt wurde, wird am gleichen Tag geschlagen und zum Kunden versendet. Des Weiteren hat man durch den Wegfall von Großhändler- und Einzelhändlergewinnen einen Preisvorteil. Das mühsame Suchen, Schleppen und Transportieren bleibt dem Käufer erspart. „Kein nasser Baum verharzt und verschmutzt Ihr Auto. Der Baum kommt frisch geschnitten und bequem bis zur Haustür. Im Hochhaus auch in den obersten Stock“ , erklärt Werth.
Mit diesem Konzept hat er den Zeitgeist getroffen, wie der wachsende Kundenstamm beweist. Den Umsatz möchte Werth nicht direkt nennen, er sagt aber: „Über 2 Millionen Bäume könnte ich jedes Jahr verkaufen.“ Trotzdem ist der Anbau von Weihnachtsbäumen ein Risikogeschäft. Bevor ein Baum zu einem durchschnittlichen Preis von 23 Euro verkauft wird, hat er seinen Züchter bereits 9 Euro gekostet. In der Wachstumszeit, die 8 bis 12 Jahre dauert, können das Klima und schlechtes Saatgut die gesamte Ernte unbrauchbar machen. In jeden Baum investiert ein Produzent 12 Minuten Arbeitsaufwand, umgerechnet sind das mehr als 1000 Stunden je Hektar.
Ein Großteil der Weihnachtsbäume wird in Niedersachsen angebaut, nämlich ungefähr 24 Prozent. Dann folgt Nordrhein-Westfalen. Besonders das Sauerland ist bekannt für die Produktion von Bäumen mit guter Qualität, sodass hier 20 Prozent der in Deutschland verpflanzten Bäume wachsen. Wegen der großen Nachfrage ist man gezwungen, Weihnachtsbäume aus dem Ausland zu importieren. „Die Nachfrage von rund 28 Millionen Weihnachtsbäumen in den vergangenen Jahren wird zu zwei Dritteln von der einheimischen Produktion gedeckt, das letzte Drittel kommt vor allem aus Dänemark“, erläutert Sabine Krömer-Butz von der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald (SDW). Derzeit werden die Christbäume in Deutschland laut Statistischem Bundesamt auf 50000 bis 75000 Hektar angebaut, knapp 300 Millionen Bäume sind in Deutschland als Weihnachtsbäume angepflanzt, wie der SDW berichtet. Davon stehen jährlich ungefähr 20 bis 25 Millionen zur Verfügung. Werth meint, dass es in diesem Jahr ein Problem mit der Versorgung geben wird. „Es fehlen etwa 3 Millionen Bäume. Deshalb werden die Preise auch in diesem Jahr um 8 bis 12 Prozent steigen.“
Der Tannenbaum, der oft gar keine Tanne ist, hat in den vergangenen drei Jahrzehnten drei große Trends erlebt: Anfangs löste die Blaufichte die traditionelle Rotfichte ab. Dann verdrängte die Nordmanntanne die Blaufichte. Wegen ihrer Nadelfestigkeit und der nicht stechenden Nadeln ist sie der Lieblingsbaum der Deutschen. Die Nordmanntanne breitet sich auch in den anderen Ländern immer weiter aus. Der aktuelle Trend: Die Bäume werden kleiner. Vor 30 Jahren lag die durchschnittliche Größe noch bei mehr als 2 Metern, jetzt sind es gerade noch 1,60 Meter. Außerdem gibt es eine Tendenz zum Zweit- oder Drittbaum, die sich aber nicht in der Statistik wiederfindet. „Die Verkaufszahlen sind seit vielen Jahren gleich geblieben. Eventuell gibt es mehr Haushalte, die keinen Baum aufstellen, ich denke hier an die Singlehaushalte. Dafür gibt es andere, die sich einen getopften Baum ab dem ersten Advent auf den Balkon oder die Terrasse stellen“, sagt Werth.
Obwohl die Weihnachtsbäume größtenteils in eigenen Plantagen und nicht mehr nur im heimischen Wald wachsen, vermarkten auch Forstbetriebe den Christbaum. Zum Beispiel bietet die Gräflich von Hundt'sche Forstverwaltung KG aus Unterweikertshofen in Bayern Christbäume zum Selberfällen an. Wolf-Dietrich Graf von Hundt, der Geschäftsführer, sagt, in der Saison kämen bis zu 15000 Leute, um sich ihren Baum auszusuchen. Mit dem „Christbaumexpress“ fährt man vom Schlosshof in den Winterwald, um sich dort aus rund 100000 Bäumen, die auf 17 Hektar wachsen, den richtigen auszusuchen. Dabei kann man aus 10 Tannen-, 5 Fichten- und 3 Kiefernarten auswählen. Zudem gibt es Lagerfeuer, Glühwein, Kinderpunsch, Bratwürstchen und Weihnachtsmarkt. Hundt versucht, die Preise stabil zu halten. Nur alle 3 bis 5 Jahre werden sie erhöht. Ein Meter Nordmanntanne kostet dort wie im vergangenen Jahr 17 Euro. Der Meter Blaufichte kostet 12 und der Meter Rotfichte 8 Euro. Jährlich können bis zu 10000 Weihnachtsbäume an die Familie gebracht werden. „Perfekte Bäume sind eher ein Thema für den Handel. Bei uns werden auch ganz skurrile Bäume gekauft.“
Trotzdem haben die meisten Leute einen idealen Weihnachtsbaum im Kopf. „Was gar nicht mehr geht, sind krumme und fehlende Spitzen oder völlig einseitiger Wuchs“, erklärt Werth, der seine Bäume auf eigenen Plantagen mit einer Fläche von 400 Hektar anbaut. Dennoch sind solche Bäume nicht unbrauchbar, da ihr Schnittgrün zum Binden von Adventskränzen verwendet wird. Für den Rest hat man bei Weihnachtsbaum.de auch eine umweltschonende Verwendung: „Die verbleibenden Äste und den Baumstamm verarbeiten wir in unserem Betrieb zu Holzhackschnitzeln und betreiben damit eine umweltfreundliche Heizung, mit der wir alle Büros und Hallen heizen.“ Einen anderen Weg haben die Bäume mit nur leichten Schönheitsmängeln vor sich. Sie werden als zweite oder dritte Wahl an Supermärkte oder ins Ausland verkauft. Werth beurteilt diese Entwicklung positiv: „Eine Konkurrenz sehe ich darin nicht. Im Gegenteil, die weniger guten Bäume haben wir bis vor einigen Jahren nach Portugal, Spanien, Italien und Frankreich für kleines Geld verkauft. Heute können wir diese Bäume auf dem kurzen Wege in Deutschland kostengünstig an die Supermärkte verkaufen.“
In der Gräflich von Hundt'schen Forstverwaltung dürfen Bäume mit leichten Schönheitsmängeln übrigens weiter wachsen. Mit fünf Meter Höhe werden sie Hotelbäume oder zieren Rathäuser und Kirchen. „Die Weihnachtsbäume sichern mehr als 18000 Arbeitsplätze“, erklärt Werth. Insgesamt wird mit ihnen mehr als eine halbe Milliarde Euro Umsatz gemacht.
Viktoria Rauser
Gymnasium Schloß Neuhaus, Paderborn

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