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Frankfurter Allgemeine Zeitung
Donnerstag, 7. September 2006

Stühle setzen auf Sitzfleisch
Ein Stahlmöbelhersteller schreibt deutsche Geschichte

„Man kann zu jedem Stuhl eine Geschichte erzählen“, berichtet Marita Schulze, Vertriebsleiterin der L.&C. Stendal Metallmöbel GmbH. Sie ist eine der drei Prokuristinnen der traditionsreichen Firma, die 1871 von Louis Arnold und seinem Sohn Carl als „Eisen Möbelfabrik Schorndorf“ gegründet wurde. Aufgrund ihres Erfolges, den die Arnolds mit Gartenmöbeln und Betten hatten, errichteten sie 1889 ein Zweigwerk in Stendal sowie eines 1901 in Kempen. Mitte der zwanziger Jahre wurde das Unternehmen Europas führendes Stahlrohrmöbelwerk. Arnold fertigte den von Mart Stam entwickelten ersten Freischwinger sowie die Aluminium-Sitzmöbel und Tische für die Hindenburg. Das Werk Stendal wurde nach 1945 als „VEB Stima“ in Volkseigentum der DDR überführt. Bis 1990 arbeiteten dort 850 Beschäftigte. 1991 erfolgte die Rückführung an die Muttergesellschaft in Schorndorf. Nach schlechten Jahren wurden die Standorte Kempen und Schorndorf 1996 an das amerikanische Unternehmen Hill-Rom verkauft. Das Werk Stendal trat nun allein als privatisiertes Unternehmen die Weiterproduktion an. Neben der Geschäftsführung sind 32 Mitarbeiter tätig. Außer Stühlen und Tischen gehören Ergänzungsmöbel wie Regale, Hocker und Garderoben zur Palette. Der Umsatz 2004/2005 lag bei 3,1 Millionen Euro. Davon entstehen 17 Prozent durch den Export ins Ausland. „Wir schreiben eine schwarze Null“, sagt Schulze. Die Produktion der deutschen Metallmöbelindustrie insgesamt ist zuletzt gesunken, von Januar bis September 2005 um 3,5 Prozent auf 900 Millionen Euro. Das ist eine Folge der Stahlverteuerung. „Vom Stahlrohr bis zur Polsterklammer hat sich alles verteuert. Das ergibt in unserer Firma einen Preisaufschlag von 5 Prozent“, sagt Schulze.

80 Prozent des Umsatzes entfallen auf den öffentlichen Bereich. Abnehmer sind beispielsweise die Staatskanzlei Wiesbaden, die Universität Heidelberg, das Bundeswirtschaftsministerium sowie das Bauhaus Weimar und das Bauhaus Dessau.

Mit Letztgenanntem erfolgt seit 1925 eine enge Zusammenarbeit. So wurden für die Möblierung des Bauhauses Dessau 1987 mehr als tausend Stühle, Sessel und Tische gefertigt. Die historische Bauhausmensa in Dessau wurde 1994 mit den von Marcel Breuer entworfenen Stahlrohrhockern ausgestattet. In der Bauhaus Collection ist auch der von Carl Fieger entworfene Fieger-Stuhl zu finden. Alle zwei Jahre werden die neuesten Produkte auf der Orgatec in Köln vorgestellt.

Der Marktanteil der L.&.C.Stendal liegt unter 5 Prozent. Drei Wochen dauert die Produktion eines Stuhls, die in Serien erfolgt. „Edel muß er sein“, erklärt Angelika Strelow, Leiterin des Einkaufs. Nach dem Waschen, Schneiden, Bohren und Biegen gelangt das Stahlrohr in die Galvanik. Dort wird es verchromt. Einfacher geht es mit der Pulverbeschichtung. Monatlich werden 3500 bis 4000 Stühle und 800 bis 1000 Tische gefertigt.

Das derzeitige Hauptprodukt ist die Stuhlserie „Athos“. Der Durchschnittspreis liegt bei 284 Euro. „Man kann Klassiker produzieren, das ist gut für das Image, aber wir können davon nicht leben. Deshalb ist es wichtig, hochwertige Möbel für den Massengebrauch zu fertigen und zu verkaufen“, erklärt Schulze. Ein Klassiker, der in großen Stückzahlen produziert wird, ist der „Comeback“. Dieser von den Formgestaltern des Möbelkombinats der Bauhausstadt Dessau entworfene Stuhl feierte Ende der fünfziger Jahre eine millionenfache Auflage in der DDR. Er war in Restaurants, Behörden, Kantinen und im privaten Bereich zu finden. 1994 kehrte er überarbeitet auf den Markt zurück. Aus dem Stapelstuhl mit den grau lackierten Füßen und der Lehne aus Buche oder Kunststoffpolster ist ein erneuter Verkaufsschlager geworden. Der Preis liegt bei 73 Euro. Jährlich werden 20000 dieser Stühle verkauft. „Hauptsächlich in den Westen, da in den neuen Bundesländern noch viele der alten Modelle zu finden sind und bei einer Neuanschaffung nicht der gleiche Stuhl noch mal gekauft wird“, erklärt Strelow. Auch Bundespräsident Roman Herzog nahm am Tag der Deutschen Einheit in Stuttgart 1997 auf einem solchen „Comeback“ Platz.

Francie Landen


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