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Frankfurter Allgemeine Zeitung
Donnerstag, 7. September 2006

Maßgeschneidert für Maßschneider
Individuelle Büsten aus Pappmaché und Kunststoff/Der Computer hält Einzug

Schneiderbüsten aus Deutschland sind gefragt. Und das nicht nur im Inland, sondern vor allem im Ausland. Seit 1924 werden in der kleinen Bali-Büsten-Manufaktur Schneiderpuppen von Hand für die ganze Welt hergestellt. Der Name „Bali“ ergibt sich aus dem ehemaligen Standort des heute in Bonn-Buschdorf angesiedelten Unternehmens, Bad Lippspringe. Bis vor kurzem hieß der Geschäftsführer Ebe Ebsen, der das Unternehmen im Jahre 1968 übernahm. Er verkaufte es im April aus Altersgründen an Ines Quant, die noch von Ebsen eingearbeitet wird.

Das Fertigen von Schneiderpuppen ist kein Ausbildungsberuf. In Deutschland gibt es vier Unternehmen dieser Art. Sie unterscheiden sich in erster Linie bei der Paßform der Büsten. „Unsere haben weiche, geschwungene Linien“, sagt Ebsen. Ein weiterer Unterschied findet sich beim Material. So fertigt Bali Schneiderpuppen aus Pappmaché und nicht wie andere aus Kunststoff. Dies könne zu Schwierigkeiten bei der Maßfertigung führen, weil ein Abstecken mit Nadeln nicht möglich sei. OWI-Büsten aus Birken stellt daher auch Schneiderpuppen aus Hart- und Weichschaum her. „Bei Paßformen und Maßgenauigkeit sind wir führend“, behauptet Ebsen. Das weiß man anscheinend auch auf Madagaskar, wohin er bereits 120 Büsten verschickte. Gegenüber unzähligen Genehmigungsvorschriften verschiedener Länder wirkt die deutsche Bürokratie manchmal angenehm, und so füllen allein drei Aufträge aus Saudi-Arabien schon einen ganzen Ordner. Momentan liegt der Anteil des Umsatzes im Ausland bei 55 Prozent. Von den Schneiderpuppen aus Birken werden laut Geschäftsführer Horst Willmeroth mehr als 70 Prozent ins Ausland geliefert. Demgegenüber verkauft die Ortner GmbH in Offingen laut Geschäftsführer Jürgen Ortner 80 Prozent ihrer Schneiderpuppen im Inland.

Zu den Kunden von Bali zählen Kleiderfabriken, Schulen, Universitäten, Museen und Opernhäuser. So lieferte Bali alle Büsten für die Bayreuther und für die Salzburger Festspiele. Mit großem Abstand folgen selbständige Schneider und Privatleute, darunter auch bekannte Leute aus der Politik. Zudem beliefert die Manufaktur die Nato und Unternehmen, die schußsichere Westen herstellen. Während Bali 1980 bis zu 800 Büsten im Jahr fertigte, sind es heute nur noch knapp 300. Denn vieles kann inzwischen auch mit Hilfe von Computern maßgenau angefertigt werden. Schneiderpuppen werden dabei nicht völlig überflüssig. Meist reicht jedoch eine Größe aus, mit der ein Grundschnitt erstellt wird.

Für die Fertigung einer Schneiderpuppe benötigt man durchschnittlich sechs Stunden. „Eine dicke Büste dauert einfach länger“, sagt Ebsen. „Übrigens handelt es sich bei 85 Prozent der hergestellten Büsten um weibliche, schließlich ändern sich die Modetrends hier öfters.“ Für das Modell „Claudia“ muß man 249 Euro plus 79 Euro für den Ständer auf den Tisch legen. Möchte man eine Büste mit seinen eigenen Maßen haben, kostet dies 400 Euro. „Claudia“ ist am meisten gefragt, da sie die neusten Hohensteiner Maße von 1994 hat. „Wir dringen auf neue Maße“, sagt Rose-Marie Riedl von den Hohensteiner Instituten, die die Maße für die aktuellen deutschen Kleidergrößen ermitteln und alle zehn bis zwölf Jahre aktualisieren. „Allerdings steht momentan noch kein Finanzierungskonzept. Immerhin handelt es sich hierbei um mindestens 10000 Personen pro Geschlecht, die eingescannt werden müssen, und um einen Kostenaufwand von rund 1,5 Millionen Euro.“

Das Modell „Standard“ ist am wenigsten gefragt, da es noch nach den Maßen von 1974 gefertigt ist. „Dieses Modell wird öfters mal von Firmen im Osten eingekauft oder von Leuten mit einer Körpergröße zwischen 1,62 und 1,64 Meter“, sagt Ebsen. Auch gibt es größenverstellbare Schneiderpuppen, auf die Bali ein Patent hat. Mit dieser Produktionsform kann man statt normaler Mode auch Umstandsmode schneidern.

Zu OWI-Büsten werden manchmal Models von Unternehmen geschickt, die eine exakte Büste von sich erstellen lassen. Dazu wird der Körper eingescannt, und es entsteht eine Form für 50000 Euro. Im Jahr werden eine bis drei dieser Formen hergestellt. Was die Büsten so teuer macht, ist die Entwicklung. Nach dem Einscannen wird zuerst ein Modell des Körpers erstellt. Dieses wird anschließend dem Kunden vorgestellt, und er entscheidet sich für eine Körperhälfte (da nie beide Körperhälften identisch sind). Diese wird gedoubelt und ein Modell erstellt. Anhand dieses Modells lassen sich beliebig viele Schneiderbüsten maschinell fertigen.

Bali hat mittlerweile einen Onlineshop, über den hauptsächlich importierte Büsten aus England verkauft werden, denn das Unternehmen ist auch Großhändler. Hierbei handele es sich um keine Konkurrenz zu den eigenen Büsten, sondern um ein Zusatzgeschäft, sagt Ebsen, da die importierten Büsten maschinell gefertigt werden. Gekauft werden diese vor allem von Hobbyschneidern. Der Onlinehandel macht 65 Prozent des Gesamtumsatzes aus, der 2004 bei 255000 Euro lag. Im vergangenen Jahr konnte dieser auf 297000 gesteigert werden. Zwar ist die Zahl der hergestellten Büsten gesunken, jedoch hat sich der Umsatz des Onlineshops fast verdreifacht. Die Materialkosten liegen bei gut 100000 Euro, die Personalkosten für eine Schneiderin und einen Angestellten in der Werkstatt belaufen sich auf 72500 Euro. 2005 kam Ebsen auf einen Gewinn von 6800 Euro netto. Den Marktanteil in Deutschland gibt er mit 20 bis 24 Prozent an.

Carolin Schmelzer


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