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Sie werfen kein Geld zum Fenster raus

Ein Softwarehersteller zeigt: Die Herstellung von Fensterglas hat einiges mit dem Backen von Plätzchen gemein.

F.A.Z.

6.04.2017

Justus Hammermann

Landgraf-Ludwigs-Gymnasium, Gießen

Die Herstellung von Fensterglas ist nicht so simpel, wie man vielleicht denkt. Zunächst muss es in die richtige Form gebracht werden. „Man kann sich dieses Verfahren so ähnlich wie Plätzchenbacken vorstellen. Das Ziel ist es, so viele Plätzchen wie möglich aus dem ausgerollten Teig auszustechen und möglichst wenig Verschnitt übrig zu haben“, erklärt Michael Küttner, Senior Manager der A+W Software GmbH. „Der Unterschied beim Glas ist allerdings, dass man den Rest nicht einfach neu kneten und wieder ausrollen kann.“ Hinzu kommt, dass die Glasstücke nicht beliebig aus den industriell hergestellten Glastafeln ausgeschnitten werden können. Man muss bei der Anordnung bestimmte Regeln beachten. „Durch die europaweite Einführung von größeren Glastafeln (6000 mal 3210 Millimeter) ab 1974 gab es in ganz Europa ein Problem mit dem Verschnitt“, führt Küttner weiter aus. Zuvor waren viel kleinere Lagertafeln üblich, die leicht zu überblicken waren.

Um Gewinne zu machen, muss der Verschnitt so gering wie möglich gehalten werden. Darüber unterhielt sich der Physikdozent Bernd Wirsam mit seinem Nachbarn. Er suchte vergebens nach einer schon existierenden Lösung und beschloss, selbst eine zu finden. Zusammen mit einer Kollegin an der Universität Gießen, Renate Albat, gründete er 1977 die Albat + Wirsam Software GbR. Sie wollten den Verschnitt um mindestens 10 Prozent verringern. „Die erste Software erschien damals noch auf einer Diskette“, erzählt Küttner. Man expandierte rasch, auch außerhalb Europas. Inzwischen ist A+W nach eigenen Angaben Weltmarktführer mit Softwarelösungen für die Flachglasproduktion. Der Export nach Europa macht 38 Prozent und in den Rest der Welt 19 Prozent des Umsatzes aus.

Das Unternehmen hat seinen Hauptsitz in Pohlheim bei Gießen. Von den 170 Mitarbeitern auf der ganzen Welt arbeiten dort 120. Im Jahr 2013 wurde das Unternehmen von der amerikanischen Friedman Operating Group übernommen. A+W ist in 71 Ländern vertreten. Die meisten der etwa 1100 Kunden sind Mittelständler und Großkonzerne. „Etwa 330 aktive Kunden gibt es zurzeit in Deutschland“, berichtet Vertriebsmitarbeiterin Stefanie Krause, „davon nutzen fast zwei Drittel die Verschnittoptimierungssoftware für die Flachglasproduktion, mit der wir Weltmarktführer sind.“ Die größten Konkurrenten bei großen Aufträgen seien Lisec aus Österreich und Fenetech aus den Vereinigten Staaten.

Die Kosten reichten von wenigen tausend Euro bis zu weit über eine Million Euro für einen Konzern. „Die Wartungskosten liegen in der Softwarebranche typischerweise bei rund 20 Prozent des Listenpreises“, sagt Krause. Die Kunden verringerten mit den Produkten ihre Durchlaufzeiten als auch Lohn- und Materialkosten. Durchschnittlich 3 Prozent Einsparung je Kunde summierten sich auf 220 Millionen Euro im Jahr. Der Umsatz des Unternehmens betrug nach eigenen Angaben 2016 rund 24 Millionen Euro.

Jedes Fenster ist einzigartig. Selbst zwei identisch erscheinende Fenster unterscheiden sich minimal voneinander. Das macht die Planung und Produktion sehr aufwendig. „Jede Auftragsposition ist ein Unikat“, erläutert Klaus Mühlhans, Prokurist bei A+W. Das Besondere in der Flachglasindustrie sei, dass die Herstellung von Varianten keine Wertschätzung erfahre. „Bei der Verkleinerung eines Fensterglases wird erwartet, dass es weniger kostet, weil weniger Material verwendet wird.“ Dass die Anpassung der Produktionsplanung und Verarbeitung des Glases mit einem hohen Zeitaufwand und somit auch Kosten verbunden sei, interessiere niemanden.

„Aktuell ist eine Veränderung am Markt zu beobachten“, erklärt Küttner. Immer mehr Glas- und Fensterhersteller aus Osteuropa drängten auf den europäischen Markt. „Unsere traditionellen Kunden werden dadurch unter Druck gesetzt, für uns entstehen aber neue potentielle Kunden.“ Zusätzlich erschließe man durch die Globalisierung auf der ganzen Welt neue Märkte. Küttner erwartet deshalb ein leichtes Wachstum; ein hohes gebe die Branche einfach nicht her.

Zur Veröffentlichung in der F.A.Z.

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