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Schubladendenken kann zum Erfolg führen

Ein Unternehmen aus Baden schließt eine Marktlücke und sorgt dafür, dass es in der Küche ruhiger zugeht

F.A.Z.

5.01.2017

Kristin Rheinberger

Max-Planck-Gymnasium, Lahr

Die Schublade geht langsam und leise zu – das kennt man aus dem Alltag, zum Beispiel aus der eigenen Küche. Das Produkt, das dieses sanfte Schließen ermöglicht, heißt Soft Close; erfunden hat es die Zimmer Group, die ihren Hauptsitz in der badischen Stadt Rheinau hat. Die Zimmer Group ist ein Zusammenschluss verschiedener Unternehmen, die von den Brüdern Günther und Martin Zimmer gegründet oder aufgekauft wurden. Begonnen habe man aber ganz bescheiden in einem alten Kuhstall, erzählt Martin Zimmer. Dort tüftelten sie an den ersten Erfindungen. Der große Aufstieg kam erst mit der Automation. Das Unternehmen produzierte zunächst Greifer als Serienprodukte und konnte stark wachsen. Heute stellt man Produkte in unterschiedlichen Bereichen her: Handhabungstechnik, Maschinentechnik, Werkzeugtechnik, Dämpfungssysteme, Verfahrenstechnik sowie Klemm- und Bremselemente, wo man nach Angaben der Geschäftsleitung Marktführer ist.

Klemm- und Bremselemente dienen dem schnellen und sicheren Transport zum Beispiel von Werkstücken an genau vorgesehene Positionen. Der Marktanteil liegt nach Angaben von Martin Zimmer „deutlich über 50 Prozent“. Die Unternehmensgruppe beschäftigt rund 1000 Mitarbeiter und verzeichnete 2016 nach eigenen Angaben einen Umsatz von 107Millionen Euro. Man hat Vertragspartner auf der ganzen Welt, unter anderem in Amerika und Asien.

Soft Close funktioniert mit Luftdämpfung

Die Idee für das Dämpfungssystem Soft Close hatten Günther und Martin Zimmer nach einer Messe, wo sie nach einem preiswerten Dämpfer für Möbel gefragt wurden. Gemeinsam mit einem Beschlaghersteller – das sind Unternehmen, die Laufschienen für Schubladen und Scharniere für Schranktüren herstellen – entwickelte man Soft Close, das mit Luftdämpfung funktioniert. Es gibt auch Dämpfungssysteme, in denen Öl eingesetzt wird; sie werden jedoch wesentlich seltener verwendet. Dämpfungen mit Federn sind ebenfalls erhältlich; allerdings erlahmen die Federn schneller.

Die Luftdämpfer bestehen aus einem Kolben, der sich im Inneren eines Zylinders befindet. Beim Herausziehen der Schublade wird Luft in den Zylinder gezogen. Beim schnellen Schließen wird diese Luft stark komprimiert, und es entsteht ein Überdruck, der als Widerstand für einen kurzen Halt der Schublade sorgt. Da am Ende des Zylinders langsam etwas Luft entweichen kann, schließt sich die Schublade allmählich. Dieses Konzept wurde 2004 auf der Möbelmesse in Köln vorgestellt. Viele Anbieter wollten Soft Close in ihre Produkte einbauen, berichtet Zimmer. Man habe in drei Schichten gearbeitet und zahlreiche Leiharbeiter engagiert. Es entstand die Zimmer GmbH Dämpfungssysteme.

Die Dämpfung gehört inzwischen zum allgemeinen Lebensstandard

Maikel Brückmann, Verkäufer bei Mussler Küchen in Friesenheim, berichtet, dass Soft Close nicht mehr wie früher als spezielles Verkaufsargument benutzt wird, denn die Kunden setzten diese Ausstattung inzwischen als selbstverständlich voraus. Die Dämpfung werde in allen Küchen eingebaut und gehöre zum allgemeinen Lebensstandard. Soft Close müsse einen Dauertest von 80000 Zyklen in guter Funktion bestehen, erklärt Martin Zimmer. Es könne lange ohne Abnutzungserscheinungen benutzt werden. Verkäufer Brückmann berichtet, dass irgendwann zwar die Stärke nachlasse, bisher aber kein Käufer Soft Close auswechseln lassen wollte.

Kunden von Zimmer Dämpfungssysteme sind sowohl Beschlaghersteller als auch Möbelproduzenten. Die GmbH erwirtschaftete 2016 nach Angaben der Geschäftsleitung einen Umsatz von 28 Millionen Euro nur mit Soft Close, Tendenz steigend. Der Stückpreis sei „sehr niedrig“; ein Gewinn könne nur über die Menge generiert werden. Ein Fünftel der Soft-Close-Systeme liefert Zimmer ins Ausland. Man sei Marktführer mit Blick auf die Möbelhersteller. Bei den Beschlagherstellern weiß man es nicht, denn viele produzieren selbst Dämpfer.

Auch andere Unternehmen stellen Ähnliches her. „Es gibt nun mal mehrere Wege zum Ziel“, sagt Martin Zimmer. Die Konkurrenz kommt aus Europa und Fernost. Die Wachstumschancen in Deutschland seien nicht groß, der Markt sei gesättigt. Viel Potential erkennt Zimmer in Amerika und Asien. Irgendwann könnte es ein System geben, in dem die Dämpfung elektrisch gesteuert wird. Heute sei das noch zu teuer.

Zur Veröffentlichun in der F.A.Z.

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