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Manche Technik fährt uns in die Knochen

Selbstauflösende Implantate und eine punktgenaue Platzierung mit Hilfe des Navigationsgeräts: Der medizintechnische Fortschritt ist gewaltig.

F.A.Z.

5.01.2017

Arne Torikka

Gymnasium Ohmoor, Hamburg

In der Tuttlinger KLS Martin Group kommen medizintechnische Implantate inzwischen aus dem 3D-Drucker. „Es ist alles ein digitaler Prozess geworden“, erklärt Christian Leibinger, geschäftsführender Gesellschafter der Unternehmensgruppe. Jeder Mensch sei in seiner Physis anders. „Medizintechnik wird immer individueller.“ Dieser Trend sei bei Implantaten besonders stark. Vor der Personalisierung hätten sich die Menschen an die Implantate angepasst, heute sei es umgekehrt.

Das Unternehmen bietet zum Beispiel das innovative Verfahren SonicWeld Rx an. „Da sind wir mit Sicherheit Weltmarktführer“, sagt Leibinger. Dabei geht es um resorbierbare Implantate, die gebraucht werden, um bei Knochenverletzungen, zum Beispiel Brüchen, die Funktionsfähigkeit wiederherzustellen. Sie werden mit Hilfe von Ultraschalltechnik an den Knochen angebracht. Dazu wird ein Pin auf ein vorgebohrtes Loch gesetzt und durch Ultraschall in Schwingungen versetzt. Die erzeugte Wärme führt zur Verflüssigung der Oberfläche des Pins und zum Eingleiten in das Loch. Der Pin kann in die knöchernen Hohlräume vordringen, die mit konventionellen Verfahren niemals erreicht werden könnten. Zusätzlich verbindet sich der Kopf des Pins mit der Folie oder Membran. So entsteht ein stabiles dreidimensionales Konstrukt, „dessen initiale Festigkeit unübertroffen ist“.

Die Medizintechnik wird biologischer

Die Kosten des Systems liegen nach Angaben von KLS Martin bei 8000 Euro. Der Vorteil für den Patienten ist, dass er sich wegen der selbständigen Auflösung des Implantats eine zweite Operation spart. Das Verfahren wird in der Kiefer-, Schädel- und Gesichtschirurgie eingesetzt. Vor allem bei Kleinkindern seien die Implantate vorteilhaft, weil sie Deformationen im Schädelbereich vorbeugten. Nach Angaben von Cord Schlötelburg, dem Geschäftsführer der Deutschen Gesellschaft für Biomedizinische Technik, sind solche Implantate die Produkte der Zukunft. „Die Medizintechnik wird biologischer“, erklärt er. Mit SonicWeld Rx dauert der Abbau bei Kleinkindern zwölf Monate, da sie einen besseren Stoffwechsel haben, und bei Erwachsenen 18 bis 24 Monate.

„Wir sind auch bei Distraktionsimplantaten Weltmarktführer“, sagt Leibinger. Sie dienen durch das Strecken des Knochens der Knochengewinnung. Ein durch Distraktoren verlängerter Knochen bietet eine bessere Stabilität für ein einzusetzendes Implantat. Die Kosten eines Distraktors betragen 900 bis 1300 Euro. Bei Implantaten liegt der Marktanteil nach Angaben des Geschäftsführers bei 20 bis 25 Prozent.

Rund 16000 chirurgische Instrumente wie Skalpelle und Pinzetten zählen ebenfalls zum Produktportfolio. Ein Krankenhaus habe sogar 80000 verschiedene Instrumente, sagt der für Marketing zuständige Geschäftsführer, Michael Martin. Angeboten werden auch 4000 größere Artikel wie der chirurgische Laser Limax, der in der Standardkonfiguration 110000 Euro kostet. Er wird unter anderem für die Tumorabtragung verwendet.

Planungen von OPs mit Hilfe einer dreidimensionalen Software

Auch Dienstleistungen bietet das Unternehmen an, zum Beispiel die Planung einer OP mit Hilfe einer 3D-Software. Eine weitere Innovation ist die Verwendung von Navigationshilfen während der Operation, damit ein Implantat korrekt eingeführt werden kann. „Das Navigationsgerät führt den Chirurgen an den richtigen Ort“, erläutert Leibinger. Die Implantate müssen gekennzeichnet werden, sodass die Software zurückmelden kann, ob sich das Implantat an der richtigen Stelle befindet.

Nach Angaben des Bundesverbands Medizintechnologie lag die Exportquote der deutschen Medizintechnikbranche 2015 bei knapp 70 Prozent. Mit einem Anteil von fast 15 Prozent am Welthandel liege man auf dem zweiten Platz hinter den Vereinigten Staaten. KLS Martin erwirtschaftet nach eigenen Angaben rund 90Prozent des Umsatzes im Ausland und exportiert in mehr als 140 Länder.

Die Branche fürchtet sich vor Donald Trump

Deutsche Medizinprodukte seien wegen ihrer Qualität gefragt, sagt Schlötelburg von der Gesellschaft für Biomedizinische Technik. Der größte Abnehmer seien die Vereinigten Staaten. Die Branche befürchtet deshalb, der künftige Präsident Donald Trump könnte Handelsbarrieren errichten. Sie hat zudem Respekt vor der ausländischen Konkurrenz, die von niedrigen Löhnen profitiere. „Da sind viele asiatische Hersteller, die gute Sachen machen. Die haben einfach aufgeholt“, sagt Schlötelburg.

Marc Metzger, leitender Oberarzt für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie am Universitätsklinikum Freiburg, bescheinigt KLS Martin, dass es „die aktuellsten Erkenntnisse aus der Forschung sofort in der Entwicklung berücksichtigt“. Nach Angaben des Unternehmens sind etwa 90 Prozent der Kunden Krankenhäuser. „In den vergangenen 15 Jahren haben wir den Umsatz mehr als versechsfacht“, berichtet Geschäftsführer Martin. Derzeit erwirtschafte man einen Jahresumsatz von rund 250 Millionen Euro und beschäftige 1200 Mitarbeiter, 500 mehr als vor zehn Jahren.

Die Digitalisierung wird die Branche weiter stark verändern. Außerdem wird erwartet, dass sie von der Alterung der Gesellschaft und einer zunehmenden Nachfrage aus den Schwellenländern profitiert. „Wir wollen in den nächsten Jahren immer mehr als 10 Prozent wachsen“, sagt Leibinger selbstbewusst. 

Zur Veröffentlichung in der F.A.Z.

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