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Eine Harley macht Männer (sch)wach

Richtige Motorräder müssen einen gut hörbaren, satten Sound ausstoßen – finden zumindest ihre Fahrer. Der Pionier Kesstech sorgt dafür, dass der gesetzliche Rahmen eingehalten wird.

F.A.Z.

24.03.2017

Lena Endres

Bayernkolleg Schweinfurt, Schweinfurt

Ein großer Mann in Lederkutte und Bikerstiefeln geht auf sein Motorrad zu. Der Chrom der Maschine blitzt in der Sonne. Wie wird sie sich anhören, wenn sie angelassen wird? Hoffentlich nicht wie ein Föhn, wie Luft, die sanft aus der Auspuffanlage entweicht – für den Fahrer einer Harley-Davidson wäre das ein Grauen. Einer von ihnen sagt: „Zu einer Harley, bestehend aus Lack und Leder, aus Chrom und einem bulligen Zweizylinder, gehört ein satter Sound, tief, bassig und hörbar volumig. Dort, wo die klassischen fünf Sinne nicht mehr ausreichen, fängt es doch erst an.“

Einige Unternehmen haben sich des Sounds von Motorrädern und damit der Auspuffanlagen angenommen. „Wir sind der Erfinder von manuell und elektronisch verstellbaren Zubehör-Auspuffanlagen für Motorräder mit einer europäischen Betriebserlaubnis“, sagt Christian Schütte, Eigentümer und Geschäftsführer der Kesstech GmbH aus Theres-Obertheres. Gegründet wurde das Unternehmen 1984 von Roland Keß als Werkstatt für Harley-Davidson-Motorräder. Neue gesetzliche Regelungen schränkten den Hörgenuss der Fahrer ein; man suchte nach einer Lösung. 1997 begann dann der Verkauf der Anlagen. Man sei das erste Unternehmen gewesen, das Klappensysteme mit einer europäischen EG-Betriebserlaubnis auf den Markt gebracht habe. „Dies hat den Vorteil, dass die Anlagen nicht noch dem TÜV vorgeführt werden müssen“, erklärt Schütte.

Seit ein paar Jahren stellt man die Auspuffanlagen auch für Motorräder von BMW her. „Bei unseren Klappenauspuffanlagen steuert die Elektronik Klang und Schalldruckpegel ganz automatisch. So werden alle Geräusch- und Leistungswerte nach den jeweils geltenden Vorschriften strikt eingehalten“, erklärt Schütte. Ist eine kleine Klappe am Auspuff offen, ertönt das Geräusch, ist sie zu, bleibt der Auspuff ruhig. Im Originalzustand fehlt das typische Gluckern, das man aus Filmen und Serien von einer Harley kennt. Mit geschlossenen Augen könnte man sie mit einem lauten Roller verwechseln.

Bernhard Gneithing, Geschäftsführer des offiziellen Harley-Davidson-Partners Stuttgart Süd, erzählt: „Wenn wir einem Kunden diese Anlagen vorführen, hören wir oft ,Wie, das ist legal?‘.“ Der Fahrer kann entscheiden, wann er das Geräusch seiner Maschine auf dem Maximum erleben will. Dazu muss er nur eine kleine Taste am Lenker aktivieren. Was früher mechanisch verlief, wird nun von einem Stellmotor übernommen, der unter dem Motorrad verbaut wird. „Das Geheimnis für den richtigen Sound und die gleichzeitige Performance sind mehrere Kammern im Dämpfer des Auspuffs, die den Effekt erzielen, dass die Abgase nicht auf einen Schlag entweichen“, erklärt Schütte.

Eigentlich wollte Roland Keß das Unternehmen seiner Tochter überlassen. „Da sich Pamela Keß die kaufmännischen Entscheidungen nicht allein zutraute, suchte man einen Partner“, erzählt Schütte. „Das Unternehmen machte einen niedrigen siebenstelligen Umsatz und hatte Potential.“ Schütte kaufte alle Anteile und verkaufte später wieder einige Prozente an Pamela Keß; sie wurde zudem die zweite Geschäftsführerin. „Mittlerweile arbeiten mehr als sechzig Mitarbeiter für Kesstech; die Mitarbeiterzahl haben wir in den vergangenen vier Jahren mehr als verdreifacht“, sagt Schütte. Verdreifacht habe sich auch der Umsatz. Wichtige Konkurrenten sind das niederländische Unternehmen Dr. Jekill & Mr. Hyde und der bayerische Hersteller Penzl- Bikes, die Anlagen für Harley-Davidson und einige andere Marken herstellen.

Bastian Thomas leitet die Entwicklung von Kesstech und ist für die Homologation zuständig, die Anpassung an die Gesetze. „Wir befinden uns in einer spannenden Phase, der Umstellung von der Euro-3- auf die Euro-4-Norm“, erklärt er. Eine wichtige Rolle spielt die Passby-Messung, bei der ein Motorrad auf einer Strecke von 20 Metern von A nach B gefahren wird. Auf der Hälfte befindet sich in 7,5 Meter Entfernung ein Mikrofon an Punkt C, das das Geräusch aufnimmt.

„Diese Art von Prüfung unterliegt verschiedensten Kriterien: Es darf nicht regnen, nichts darf den Klang abschwächen oder verstärken. Diese Messung ist nur von akkreditierten Prüfinstituten durchführbar“, erklärt Oliver Wagner, Kommissar in der Polizeidienststelle Schweinfurt. „Bei einer normalen Kontrolle nehmen wir nur das Standgeräusch und können daran aber schon gut sehen, ob illegal geschraubt wurde oder nicht.“ Entscheidend sei letztendlich aber, was im Fahrzeugbrief eingetragen sei. „Einmal mit den genutzten Bauteilen zugelassen, kann ein Motorrad immer fahren, auch wenn sich die gesetzlichen Rahmenbedingungen ändern, denn danach gilt der Bestandsschutz. Deswegen können auch alte Harleys unverändert am Straßenverkehr teilnehmen“, erläutert Wagner.

„Jede Auspuffanlage sieht anders aus: schwarz, verchromt, titanfarben“, sagt Schütte. Es gibt auch außergewöhnliche Anfertigungen. So habe man für den deutschen Staffelauftakt von „Sons of Anarchy“, einer amerikanischen Dramaserie um einen fiktiven Motorradclub, eine Klappenauspuffanlage bereitgestellt.

Weiterentwicklung spielt für Kesstech eine große Rolle, da EU-Normen regelmäßig angepasst werden und die Fahrer bessere Zusatzteile wollen. „Durch die Umstellung von Euro3 auf Euro4 müssen wir alte Bauteile komplett neu konstruieren – und darauf achten, dass Temperaturen von minus 20 Grad bis 450 Grad ausgehalten werden können“, erklärt Entwicklungschef Thomas. Dabei arbeitet man mit der Fachhochschule Würzburg-Schweinfurt zusammen: „Wir können dort auf einer ,Flowbench‘ testen, ob das, was wir geplant haben, einsatztauglich ist.“ Eine Flowbench dient der Überprüfung der aerodynamischen Eigenschaften von Bauteilen. Anschließend fahren Testfahrer die Maschinen in verschiedenen Ländern über viele Kilometer. Unter anderem werden Daten aus Dubai ausgewertet, wo unter extremen Bedingungen getestet wird. „Sand im Getriebe, weit über 35 Grad im Schatten: Läuft es hier, dann läuft es überall“, erklärt Schütte.

Die Kernmärkte befinden sich in Europa. Stark gewachsen ist Kesstech in Frankreich. Auch in China und Japan, wo man mit einem Motorrad nicht nur als erfolgreich, sondern auch als originell gilt, findet Kesstech Anklang. Die Auflagen sind dort jedoch besonders streng. „Und der Japaner ist ein höflicher Mensch, der seine Harley erst mal geräuschlos aus der Garage rollt“, sagt Schütte.

Legalität hat auch einen Preis: Für ein illegales Rohr zahlt man zwischen 600 und 800 Euro, für ein legales „in einfacher Ausführung rund 2200 Euro, bei Sonderwünschen auch mehr als 3000 Euro, wenn es um eine Harley geht. Bei einem Motorrad von BMW zahlt man knapp 2000 Euro.“ In Deutschland würden in den ersten zwölf Monaten nach dem Kauf eines neuen Motorrades rund 80 Prozent der originalen Auspuffanlagen ausgetauscht. „Meistens gegen eine Auspuffanlage mit einer dementsprechenden Betriebserlaubnis“, sagt Schütte. 

Zur Veröffentlichung in der F.A.Z.

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