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Bärte kommen und gehen

Einen Whiskey, bitte! In Deutschland entstehen viele Barbershops: Friseursalons nur für Männer, die eine Rückbesinnung auf frühere Zeiten verkörpern.

F.A.Z.

5.05.2017

Alma Rießler

Goethe-Gymnasium Freiburg, Freiburg

Das Übliche, Haarschnitt und Bartpflege? Willst du einen Espresso dazu, einen Schnaps oder einen Whiskey?“ Ein Haarschnitt, dazu ein alkoholisches Getränk, in einem rustikal eingerichteten Salon – in ganz Deutschland bieten diesen Service inzwischen viele Barbershops an. Das sind auf Bart- und Haarpflege für Männer spezialisierte Friseursalons. „Nur für Männer!“ lautet ihre Devise. „Es gibt Frauenparkplätze und Fitnessstudios für Frauen, und die ganzen Friseursalons sind tendenziell auch eher für die Frau ausgelegt. Und deswegen habe ich gedacht: Man muss unbedingt etwas für den Mann tun“, erklärt Ingmar Schettler, der Inhaber und Geschäftsführer des gleichnamigen Barbershops in Freiburg.

Sein Laden war der erste in der Stadt, Schettler eröffnete ihn im Januar 2016. Vorher arbeitete er in einem normalen Friseursalon. Mit der Eröffnung des Barbershops habe er sein Hobby zum Beruf gemacht. „Die Barbierszene besteht aus unheimlich coolen Leuten, die innovativ und offen für Neues sind. Meistens richtige Typen mit Bart, Hüten und coolen Klamotten, die Wert aufs Aussehen legen“, sagt Schettler. Seine Kunden sind zu 80Prozent Stammkunden. Für die Bartpflege bezahlen sie mindestens 15 Euro, für einen Haarschnitt bis zu 30 Euro. Man bedient etwa 500 Kunden im Monat. Sie warteten oft zwei bis drei Wochen auf einen Termin.

Frank Piasta ist einer von Schettlers Kunden. Sein Grund, einen Barbier zu besuchen, ist einfach: Er habe gemerkt, dass er seinen Bart allein nicht gut schneiden könne und dass viele Friseure diese Dienstleistung nicht anböten. Nun besucht er den Barbier alle drei Wochen. „Ich will, dass der Bart gut geschnitten ist. Alles, was darüber hinausgeht, ist ein Ambiente, das ich eigentlich nicht brauche“, sagt Piasta und meint damit die Idee des Männerclubs. Er könne sich jedoch vorstellen, dass viele deswegen hingingen. Und wegen der Nassrasur mit dem klassischen Rasiermesser.

Matteo Trisoglio ist ebenfalls Geschäftsführer eines Herrensalons. Mit seinem Partner Alessandro Ciocca führt er die Barberia The Heritage, die nicht weit von Schettlers Laden liegt. Beide Ladenbesitzer behaupten, keine wirklichen Konkurrenzgedanken zu haben, da es genug Kunden gebe. The Heritage eröffnete im Februar 2016, die Idee hatte Trisoglio jedoch schon fast zwei Jahre früher. „Für die Planung haben wir anderthalb Jahre gebraucht und dann nur noch 14 Tage für die Umsetzung“, erzählt er. The Heritage ist, im Gegensatz zu vielen anderen Barbershops, nicht im Stil der sechziger, sondern der dreißiger Jahre eingerichtet, nach italienischem Vorbild. Deshalb heißt der Laden auch Barberia. Die dort arbeitenden Barbiere erlernten ihren Beruf von klein an, viele in Italien, erzählt Trisoglio. Der jüngste ist 23 Jahre und fing schon als Zwölfjähriger an, sich auf den Beruf vorzubereiten.

Man bedient vierzig bis fünfzig Kunden am Tag. An einem besonders erfolgreichen Tag vor Weihnachten seien sogar rund 350 Kunden dagewesen, berichtet der Geschäftsführer, viele auch, um Gutscheine und andere Weihnachtsgeschenke zu kaufen. Die Barberia ziehe noch immer 30 Prozent Neukunden an. Viele wollten eine Rasur, aber der Bart sei nicht alles. Bärte kämen und gingen, sagt Trisoglio. Eine Rasur in The Heritage kostet zwischen 18 und 28 Euro.

Trisoglio und sein Partner haben auch eine eigene Produktkette auf den Markt gebracht. Im Laden kann man Haargel, Wachs und Pomaden kaufen. Der Preis einer Großpackung liegt bei 30 Euro, verkauft werden davon nach eigenen Angaben fünf bis zehn am Tag. Die Barberia erwirtschafte seit dem ersten Tag Gewinn, sagt der Geschäftsführer. In naher Zukunft könnte es auch Filialen geben.

In den vergangenen zwei bis drei Jahren haben auf der ganzen Welt Barbershops eröffnet. In Deutschland habe es 2015 rund 200 gegeben, die Zahl sei inzwischen auf 400 bis 500 gestiegen, sagt Micha Birkhofer, der Inhaber von 101Barbers in Waiblingen. Dieses Unternehmen beliefert seine Kunden mit vielem, was in Barbershops benötigt wird. Dazu gehören Einrichtungsgegenstände sowie Haarstyling-, Rasur- und Bartpflegeprodukte. „Es gibt sogar spezielle Shampoos für den Bart“, erzählt Birkhofer. Man habe rund 1000 Kunden, nicht nur Barbershops, sondern auch Friseursalons, die mehr für ihre männlichen Kunden tun wollten und ihren Unisex-Salon zum Beispiel um eine „Herrenwelt“ erweiterten. Andere Kunden wollen sich mit einem Barbershop selbständig machen. Diesen bietet man auch an, sie bei der Einrichtung zu beraten. Der Preis für die komplette Einrichtung könne bei 2000 bis 10000 Euro je Arbeitsplatz liegen, sagt Birkhofer. Das Unternehmen veranstaltet auch Tagesseminare für Barbiere, die 360 Euro kosten und sechs bis zehn Mal im Monat stattfinden. Der Jahresumsatz befinde sich im siebenstelligen Bereich, berichtet der Inhaber.

101Barbers hat zudem die German Barber Awards ins Leben gerufen, einen Wettbewerb für Barbiere aus ganz Deutschland. Den ersten Platz belegte im vergangenen Jahr Sezer Soylu. In der Türkei aufgewachsen, interessierte er sich schon früh für den Beruf des Barbiers. Ihn habe vor allem die detailreiche Arbeit, die nach mehreren genauen Arbeitsschritten das gewünschte Ergebnis lieferte, fasziniert, erzählt er. „Ich passe jeden Haarschnitt maßgeschneidert an, ähnlich wie ein Schneider, der die Anzüge perfekt angleicht.“ In seinem Beruf gehe es weniger um Mode, sondern um Qualität und Präzision. Soylu arbeitete zehn Jahre in Saudi-Arabien, bevor er nach Deutschland kam. Heute ist er im Augsburger Salon Klas tätig, der in einen Damen- und einen Herrensalon eingeteilt ist. Soylu leitet den Herrensalon. Sein jüngster Kunde ist gerade einmal zwei Jahre alt, sein ältester 92. Soylu arbeitet auf Basis der Walk-in-Methode: Die Kunden kommen ohne Anmeldung. Sie müssten Zeit mitbringen, sagt Soylu. Doch könnten sie sich unterhalten und entspannen, was sie genössen.

Nach dem Siegeszug der Unisex-Salons verkörpern die Barbershops laut Birkhofer nun eine Rückbesinnung auf frühere Zeiten. In manchen Ländern seien die Herrensalons gar nicht erst verschwunden, zum Beispiel in Italien und der Türkei. In Deutschland stehe die Entwicklung erst am Anfang.

Frank Piasta gefällt das Handwerk am besten: der Vorgang des Rasierens, der schon fast ein Ritual sei, mehr als das einfache Schneiden des Bartes. „Das ist so ’ne alte Kultur, das merkt man schon im Laden.“ Und wirklich: Barbiere gab es bereits im Mittelalter. Früher waren es Bader, die von Ort zu Ort zogen und zum Beispiel die Funktion eines wandelnden Arztes oder Alchemisten hatten. Nebenbei kümmerten sie sich auch um die Pflege von Bärten. 

Zur Veröffentlichung in der F.A.Z.

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