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Reisen sind Auslegungssache

Ein Unternehmen, das Reisen nach Osteuropa anbietet, hat sich ein besonderes Bezahlmodell ausgedacht.

F.A.Z.

7.12.2017

Julia Lohr

Berufliche Oberschule Regensburg, Regensburg

Unsere Reisen werden nie den Mainstream erreichen, und das ist auch gut so“, sagt Katka Karl-Brejchová, Reisebegleiterin von Begegnung mit Böhmen, einem besonderen Reiseunternehmen aus Regensburg. Der 63 Jahre alte Gründer und Geschäftsführer Erwin Aschenbrenner hatte ursprünglich einen anderen Plan für sein Berufsleben, als er Mathematik und Theologie studierte. Ende 1989 hatte er jedoch nach der Öffnung der osteuropäischen Grenzen die Idee, mit Unterstützung des Evangelischen Bildungswerks Regensburg Ausflüge nach Tschechien anzubieten, um das fremde Nachbarland kennenzulernen.

Inzwischen bietet Aschenbrenner mehr als hundert verschiedene geführte Reisen an, zu unterschiedlichen Themen oder auch passend zur Jahreszeit. Neben Tschechien wurden unter anderem Polen, die Slowakei und Slowenien in das Programm aufgenommen. Fünfzig bis sechzig Exkursionen finden im Jahr statt, an einer Reise nehmen im Schnitt zwölf Personen teil.

Nach Aschenbrenner ist in der Branche eine Gewinnmarge von 30 Prozent üblich. „Eine 30-Prozent-Marge schaffe ich meistens nicht, aber 25 Prozent. Und wenn man bedenkt, dass wir 600 Kunden haben und im Schnitt die Reisen 600 Euro kosten, also ungefähr 150 Euro Gewinn pro Reisekunde, dann bleiben ungefähr 90000 Euro Jahresgewinn.“

Doch was macht den Reiseveranstalter so besonders? Seine Kunden bezahlen erst nach der Rückkehr. „Viele Wirtschaftsfachleute sagen, dass es nicht sein kann, dass wir für die Kunden die Reisen vorfinanzieren“, sagt Aschenbrenner. Doch der Vertrauensvorschuss bereitet dem Unternehmen keine Schwierigkeiten. Bisher hat nur ein einziger Kunde seine Reise nicht bezahlt. „Ich weiß von anderen Reiseveranstaltern, die viel mehr solcher Fälle haben, obwohl sie das Geld vor der Reise verlangen“, sagt Aschenbrenner. Aber wer finanziert die Reisen? Die Antwort ist einfach: Aschenbrenner bezahlt sie. Der Unternehmer muss in der Hochsaison 20000 bis 30000 Euro angespart haben, um das Geld auslegen zu können.

Doch warum macht er das? Reiseveranstalter sind verpflichtet, eine Insolvenzversicherung abzuschließen, wenn sie das Geld für eine Reise im Voraus erhalten. Die Versicherung würde die Rückreisekosten eines Kunden übernehmen, falls der Veranstalter in Zahlungsschwierigkeiten geriete. Das kostet den Reiseveranstalter 0,25 Prozent des Reisepreises; zwischen Nah- und Fernreisen wird nicht unterschieden. „Ich fand das so irrational und auch jeder Ökologie widersprechend. Die Nahreisen müssen ja bei dieser Regelung ganz offenbar die Versicherung der Fernreisen subventionieren“, sagt Aschenbrenner. Also verlangt er das Geld erst im Nachhinein.

Zur Veröffentlichung in der F.A.Z.

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