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Irgendwann fliegen alle Helden auf

Ob „Mission Impossible“, Waldbrände oder die UN: Ein Unternehmen aus dem Münsterland ist eine feste Größe auf dem Weltmarkt für die Vermietung von Hubschraubern.

F.A.Z.

1.03.2018

Moritz Niehüser

Hans-Böckler-Berufskolleg, Münster

 

Flap Flap Flap“: Dieses Geräusch kennt man zum Beispiel aus dem berühmten Vietnam-Film „Apocalypse Now“, in dem der Einsatz mit der Bell UH-1, auch „Huey“ genannt, geflogen wird. Die Armee der Vereinigten Staaten flog diesen von Bell Helicopter hergestellten Hubschrauber fünfzig Jahre lang. Wenn sich Piloten über dieses Modell des amerikanischen Flugzeugpioniers äußern, sprechen sie von Robustheit, Zuverlässigkeit und einem legendären Ruf. Mit Hubschraubern von Bell operiert auch das Familienunternehmen Agrarflug Helilift GmbH & Co. KG. Es wird in zweiter Generation geführt und hat seinen Sitz auf einem drei Hektar großen Gelände in der Nähe von Ahlen im Münsterland. Man kümmert sich um Wartung, Instandhaltung, Leasing, Modifikationen, Komponentenüberholung und Ersatzteilvorsorge. Das Unternehmen ist der einzige reine „Bell Operator“ und der größte Leasinggeber für Hubschrauber in Deutschland; außerdem bietet es Reparaturen und Ersatzteillieferungen in einem Umfang an wie nur wenige andere Betriebe auf der Welt.

Konkurrierende Unternehmen wie Eagle Copters und Waypoint Leasing teilen sich mit Helilift den Weltmarkt für die Vermietung von Hubschraubern. Eagle Copters aus Kanada hat sich auf Nord- und Südamerika sowie Australien fokussiert. Waypoint Leasing mit Sitz in Irland agiert auf der ganzen Welt; das Unternehmen bietet jedoch nur die Vermietung von Helikoptern und keine Zusatzleistungen an. Agrarflug Helilift ist auf allen Kontinenten präsent. Außerdem ist das Unternehmen „Bell Customer Service Facility“, eine anerkannte Kundendiensteinrichtung von Bell Helicopter. Dadurch verfügt es über sehr viele Ersatzteile. Was man nicht auf Lager hat, wird im „Bell Supply Center“ im gut 250 Kilometer entfernten Amsterdam geholt; dort gibt es fast alle Ersatzteile von Bell.

Gegründet wurde Agrarflug Helilift 1976 von Klaus Beese. Aus den Vereinigten Staaten brachte er die Idee mit, seine Felder aus der Luft zu besprühen. „Nachbarn sahen dies, und so wurden aus einem Feld zwei, aus zwei wurden vier, aus vier wurden acht“, erklärt Christopher Billington, Marketingleiter des Unternehmens und Pilot. Immer mehr Helikopter wurden angeschafft; das Unternehmen wuchs stetig. Inzwischen erwirtschaften 62 feste Mitarbeiter, darunter dreißig Techniker, und zehn freie Mitarbeiter einen Jahresumsatz von rund 25Millionen Euro.

Zuerst kaufte Klaus Beese der britischen Armee dreißig alte Bell 47 ab. Allerdings war nur noch eine Handvoll flugfähig; die meisten dienten als Ersatzteillager. Heute besteht die Flotte aus rund 45 Hubschraubern der Typen Bell 205, 212 und 412. „Unsere Helikopter operieren in Europa, Afrika, Nord- und Südamerika, Indien, Australien und sogar in der Antarktis“, sagt Billington. Sie sind für Bergwerke, Versorgungsflüge, Lastentransporte, Waldbrandbekämpfung, seismische Erkundungsflüge und humanitäre Hilfseinsätze, zum Beispiel für die Vereinten Nationen, unterwegs.

Auch in Filmen kommen sie zum Einsatz, zum Beispiel in „Mission Impossible“, „Cliffhanger“, „Spy Game“ und „Alarm für Cobra 11“. Für „Cliffhanger“ wurden gleich drei Hubschrauber bereitgestellt. „Bei diesen Hollywoodfilmen sitzen unsere Piloten mit den Schauspielern zusammen am Tisch und halten die Briefings ab, wie das Ganze geflogen werden soll“, erklärt Billington. „Die amerikanischen Filmproduzenten möchten oft den einmaligen Klang und die Optik der Bell 205 in ihren Filmen haben, da sie doch sehr patriotisch sind.“ Die Zahl der Filmaufträge geht jedoch zurück, weil inzwischen vieles mit Drohnen aufgenommen oder per Computeranimation dargestellt wird.

Der Betrieb von Helikoptern ist im Vergleich zu Flugzeugen sehr teuer. Ein Hobbypilot kann sich ein Ultraleichtflugzeug schon für knapp 100 Euro die Stunde leihen. Eine Flugstunde auf einem kleinen Ausbildungshubschrauber kostet rund 450 Euro. Eine Bell 205, die Platz für 12 Personen bietet, kostet 2400 Euro für eine Stunde. Die Tagesmiete variiert je nach Einsatz und Flugmuster zwischen 5000 und 30000 Euro, wobei Zusatzleistungen wie Wartung und Ersatzteilversorgung hinzukommen. „Wir handeln mit jedem Kunden einen individuellen Preis aus, der an die Wünsche angepasst ist“, sagt Billington.

Die Wartung findet hauptsächlich in Ahlen statt. Dort werden mehr als sechzig Hubschrauber im Jahr gewartet. Die größte Kontrolle dauert zwischen drei und sechs Monaten. „Je nachdem, wie der Heli in Schuss ist. Helis aus dem asiatischen Raum sind vergleichsweise besser gepflegt als zum Beispiel welche aus afrikanischen Ländern“, erläutert Billington. Rund 250000 Ersatzteile werden vor Ort gelagert; sie haben einen Wert von gut 4,5 Millionen Euro. Hinzu kommen noch große Teile wie Heckausleger, die 1 Million Euro kosten, und Rotorblätter, deren Wert sich auf 250000 Euro je Stück beläuft. Zu 80 Prozent hat man die Ersatzteile auf Lager, die restlichen 20Prozent werden im Bell-Ersatzteillager in Amsterdam geholt.

Wegen der immensen Betriebskosten ist es für Unternehmen und Regierungen in der Regel nicht rentabel, sich eigene Hubschrauber zu kaufen. So fliegen Helikopter nach Spanien, Portugal oder Italien, um dort in der Waldbrandbekämpfung eingesetzt zu werden. Da sie nur zu bestimmten Zeiten im Jahr gebraucht werden, lohnt der Kauf eines bis zu 12 Millionen Euro teuren Fluggeräts nicht. Agrarflug Helilift stellt die Helikopter mit der richtigen Ausstattung zur Verfügung und übernimmt die Ersatzteilversorgung. Man habe auch schon mal einen Hubschrauber in Australien demontiert, in ein Flugzeug gepackt und an einem anderen Ort wieder aufgebaut, berichtet Billington. Das ist aber sehr teuer. Oft werden die Hubschrauber über längere Strecken verschifft, zum Beispiel nach Kanada. Kürzere Strecken, beispielsweise nach Spanien, werden geflogen. Das dauert normalerweise zwei Tage.

Agrarflug betreibt noch eine Bell 205, die zivile Variante der UH-1. Die Maschine mit der Kennung „D-HOOK“ ist 38Jahre alt. Sie hat nur ein Triebwerk; für solche Hubschrauber hat die Europäische Agentur für Flugsicherheit die Betriebsmöglichkeiten deutlich verschärft. Sie dürfen im Arbeitsflug ohne passende Erlaubnis nicht mehr über bewohnte Gebiete fliegen. Es werden außerdem viele Bell 212 und 412 betrieben. Die Bell 212 ist der Nachfolger der Bell 205; sie ist mit zwei Triebwerken ausgestattet und somit leistungsfähiger und sicherer. Die neueste Variante, die Bell 412, basiert auf der Bell 212 und ist dank des Vierblattrotors deutlich leiser.

Die Lackierung der Flotte ist einheitlich weiß. Ein geleaster Hubschrauber, der beispielsweise für die UN fliegt, soll nicht für einen Militärhubschrauber gehalten werden. So soll der Gefahr vorgebeugt werden, in Krisengebieten in militärische Konflikte zu geraten. Außerdem ist es so einfacher, die Maschinen auf Kundenwunsch umzulackieren.

Zur Veröffentlichung in der F.A.Z.

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