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In Kanada können Chinesen Luft holen

In Asien leiden viele Menschen unter der starken Luftverschmutzung. Manche von ihnen atmen deshalb Luft aus Flaschen ein, die im Gebirge oder am Meer eingefangen wird. Ob das hilft?

F.A.Z.

3.08.2017

Arne Torikka

Gymnasium Ohmoor, Hamburg

Ob in Flaschen oder Dosen – auch Luft hat ihren Preis. Die beiden größten Lufthändler findet man in Kanada und Australien. Von hier aus verkaufen sie in Flaschen verpackte Luft vor allem nach Asien. Die Nachfrage steigt. „Erinnert ihr euch an den Tag, an dem die Menschen über in Flaschen verpacktes Wasser gelacht haben? Es kommt aus dem Wasserhahn, warum soll ich eine Flasche wollen?‘“, heißt es auf der Internetseite des kanadischen Unternehmens Vitality Air in Edmonton. 2014 kamen der Geschäftsführer Moses Lam und sein Assistent Troy Paquette auf die Idee, frische Luft aus Kanada in Flaschen zu pressen und zu verkaufen. „Wir sind das erste Unternehmen, das abgefüllte Luft verkauft hat“, sagt Lam. Die Idee gab es zwar schon, bevor Lam das Unternehmen gründete, jedoch waren es regionale Kleinanbieter, die Luft in Dosen als Gag oder Souvenir verkauften. Ursprünglich hatte Vitality Air eine ähnliche Absicht. „Wir wollten etwas Witziges und Innovatives machen“, erzählt Lam.

Der Kunde kann die Luft aus zwei Ortschaften der Rocky Mountains kaufen: entweder frische Luft vom Lake Louise oder aus Banff, wobei sich Banffer Luft besser verkauft, „weil Banff der erste Nationalpark Kanadas war und somit weltweit bekannter ist“, erklärt Lam. Das Unternehmen bietet die Luft in zwei Größen an. Die Drei-Liter-Flasche kostet 23 kanadische Dollar (rund 16 Euro), die öfter verkaufte Acht-Liter-Flasche 32 kanadische Dollar. Nach eigenen Angaben entspricht dies 80 beziehungsweise 160 Atemzügen.

„Es ist ein richtig langer und mühsamer Prozess“, beschreibt Lam die Herstellung. Mittels eines Vakuums wird die Luft eingesammelt und in Containern gespeichert. „Wir brauchen rund vierzig Stunden und sammeln etwa 200000 Liter Luft“, erklärt Lam. Bevor die Luft in die Anlage gebracht wird, wird sie von Schadstoffen gereinigt. Anschließend wird sie in Flaschen gefüllt. „Wir gehen alle zwei bis drei Wochen los“, berichtet der Unternehmer. Er empfiehlt, die Luft nicht länger als zwei Jahre nach dem Kauf zu benutzen. Nützlich sei die dazugehörige Maske. „Sie erlaubt es dem Benutzer, die Verschmutzung draußen zu halten.“ Sie dient als Deckel und bedeckt bei der Benutzung den Mund und die Nase.

Zum Produktportfolio zählt außerdem purer Sauerstoff. Dieser wird vor allem für Sportler oder als natürlicher Energiebooster empfohlen. „Er ist auch großartig bei einem Kater“, sagt Lam. Eine weitere Besonderheit ist Sauerstoff mit dem Geschmack von Erdbeere, Traube oder „Root Beer“.

„Ich glaube, dass wir Luft in jedes Land versandt haben“, sagt Lam. Der größte Markt befindet sich wegen der Luftverschmutzung in Asien. Deshalb besitzt Vitality Air Außenstellen in China, Korea, Vietnam und Indien. Über verschmutzte Luft sagt Andrea Pozzer vom Max-Planck-Institut für Chemie in Mainz: „Der Weltrekord liegt in China.“ Dort starben nach Berechnungen des Instituts 2010 rund 1,36 Millionen Menschen an den Folgen der Luftverschmutzung. Von Lams Geschäftsidee hält Pozzer nicht viel: „Das ist keine Lösung.“ Im Gegenteil: „Es macht die Dinge schlimmer.“ Die Luftqualität werde durch die Emissionen, die zum Beispiel der Export der Flaschen nach China verursache, schlechter.

Im vergangenen Jahr hat Vitality Air nach Lams Schätzungen mehr als 50000 Flaschen verkauft. Das Unternehmen beschäftigt rund zwanzig Mitarbeiter. Man sei in den vergangenen Jahren stark gewachsen und habe 2016 einen Umsatz von gut 250000 kanadischen Dollar erzielt. Er soll weiter steigen.

Das Unternehmen setzt darauf, dass die Menschen, genauso wie qualitativ hochwertiges Wasser aus Flaschen, immer mehr saubere Luft aus Flaschen nachfragen werden. Allerdings brauchte man viele Flaschen, wenn man Luft ausschließlich aus Flaschen einatmen wollte. In Deutschland ist das ohnehin nicht nötig. „In den vergangenen zwanzig Jahren hat sich die Qualität der Luft deutlich verbessert“, sagt Andreas Wahner, Direktor am Institut für Energie- und Klimaforschung am Forschungszentrum Jülich. Ein Grund sei die verbesserte Abgasreinigung der Kraftfahrzeuge und in der Industrie. „Aber es ist noch nicht so viel besser geworden, dass wir alle europäischen Grenzwerte einhalten.“

Eine schlechte Luftqualität schädigt die Gesundheit. „Es mehren sich die Hinweise, dass sie auch Demenz hervorrufen kann“, erklärt Tamara Schikowski vom Leibniz-Institut für umweltmedizinische Forschung in Düsseldorf. Im Vordergrund stehen Atemwegs- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Auch die Haut ist betroffen. „Wenn man starker Luftverschmutzung ausgesetzt ist, dann altert man schneller“, sagt Schikowski. Richtig gefährlich für die Lunge sei der Feinstaub, weil dieser sehr tief eindringen könne. „So richtig schützen kann man sich nicht“, meint die Forscherin. Auch nicht durch das Tragen von Atemmasken. Sie hielten nicht die gesamten Emissionen ab. „Es ist wichtig, dass die Industrie kontrolliert wird, was in China nicht der Fall ist“, sagt Schikowski.

Eine schlechte Luftqualität hat auch wirtschaftliche Folgen. „In der Agrarwirtschaft schätzt man, dass durch Ozon rund 5 Prozent der globalen Agrarproduktion verlorengehen“, sagt Wahner vom Forschungszentrum Jülich. Viel Feinstaub schränkt zudem die Sicht ein. Dies führte in Peking schon zu Ausfällen vieler Flüge und einer Sperrung der Autobahn.

„Wäre es nicht großartig, wenn wir diese Luft mit der Welt teilen könnten?“ Das fragte Theo Ruygrok John Dickinson, als er ihn vom Flughafen in Sydney abholte. Kurz darauf gründeten die beiden im November 2015 das australische Unternehmen Green & Clean Pty Ltd. Es erwirtschaftete im vergangenen Jahr nach eigenen Angaben einen Umsatz im oberen sechsstelligen Bereich. Man verkauft Luft aus fünf australischen Regionen: Blue Mountains, Bondi Beach, Gold Coast, Yarra Valley und Tasmanien. Am beliebtesten sei jedoch die normale australische Luft. „Wir versuchen, mehr Regionen im Laufe des Jahres hinzuzufügen“, berichtet Dickinson.

Die Flaschen gibt es in zwei Größen. Die Standardflasche reicht für 130 Atemzüge. Für sechs solche Flaschen verlangt das Unternehmen rund 46 australische Dollar (etwa 31 Euro). Ein Verfallsdatum habe die Luft nicht, „aber wir empfehlen, dass sie innerhalb von 24 Monaten nach dem Kauf benutzt wird“, sagt Dickinson. Zum besonderen Angebot gehören die „Private Label Services“. Das Unternehmen bietet an, die Luft eines bestimmten Ortes für den Kunden einzusammeln. Das fragen vor allem Unternehmen nach, die ihren Kunden ein Souvenir schenken wollen. „Es gibt ein großes Interesse an Private Label aus der gesamten Welt“, sagt Dickinson. Wegen der Größe der Maschine gilt das Angebot vorerst aber nur in Australien. Der Preis hängt von dem Ort und der Anzahl der Flaschen ab. Das Minimum sind 4000 Flaschen, eine kostet 6 australische Dollar.

Die Konstruktion der Maschinen, mit denen die Luft eingesammelt wird, war für das Unternehmen sehr schwierig. Es musste zum Beispiel sichergestellt werden, dass die Luft ganz ohne Schadstoffe eingefangen wird. Sie wird mittels Kompressoren und Einheiten zum Trocknen der Luft mit ihrem ortsabhängigen Aroma eingefangen.

„Die Luftflaschen werden über drei Wege verkauft“, erzählt Dickinson. National werden sie am Sydney International Airport angeboten, als Souvenir für Touristen. International arbeitet das Unternehmen mit Distributoren zusammen. Über sie verkaufe man am meisten. Außerdem bietet man die Produkte über die Internetseite an. Zu den Kunden gehörten außer Touristen vor allem Menschen, die in einer schlechten Luft lebten. Man verkaufe neben Australien nach China, Indien, Korea, Malaysia, Chile und in den Mittleren Osten. „Viele Leute behandeln unser Produkt als Ergänzung und nehmen einige Atemzüge am Tag, um die Lungen zu reinigen“, sagt Dickinson. Wie bei Vitality Air sind China und Indien die wichtigsten Märkte. „Jemand, der eine Atemwegserkrankung hat, könnte vielleicht davon profitieren“, meint Wissenschaftlerin Schikowski. „Das ist aber sehr kurzfristig gedacht, weil in den Flaschen nicht so viel Luft ist.“ Man sei das einzige Luft-Unternehmen in Australien, sagt Dickinson. „Aber wir erwarten Wettbewerber.“ Bisher beschäftigt Green & Clean sieben Vollzeitmitarbeiter und einige Teilzeitangestellte.

In Deutschland verkaufen einige Geschenkeläden Souvenirs wie die „Berliner Luft“. Zu den Anbietern zählen die Kuckuck UG, die Schwarzwaldluft anbietet, und die JMW Innovation GmbH, zu der der Erfinderladen Berlin gehört und die unter anderem Alpenluft verkauft. Im Dezember 2014 gründeten Volker Sträßer und seine Schwester Saarlandluft. Das Unternehmen verkauft Luft aus der Dose und hat mit zehn Sorten eine große Auswahl. Zu den Düften gehören neben Saarlandluft Dicke Luft, Bakterienluft, Fußballluft und Weihnachtsluft; sie werden für 4,90 Euro je Dose angeboten.

Die Idee entstand vor dem Hintergrund der Rivalität mit dem benachbarten Bundesland Rheinland-Pfalz. Nach dem Überqueren der Grenze haben Sträßer und seine Schwester, als sie noch Kinder waren, die Luft angehalten und scherzhaft gesagt: „Hier ist keine gute Luft in Rheinland-Pfalz.“ In den Dosen ist hingegen nicht wirklich die angegebene Luft enthalten. „Es geht letzten Endes um die witzigen Etiketten und um die Geschenkidee“, erklärt Sträßer.

Im ersten Jahr verkaufte Saarlandluft nach eigenen Angaben rund 3000 Dosen, im zweiten Jahr hingegen nur noch etwa 1800. Nach Sträßers Angaben entspricht dies einem Umsatz im oberen vierstelligen Bereich. Die Dosen werden online und in Läden im Saarland verkauft. Die Spielbar in Saarbrücken war der erste Laden, der die Luft angeboten hat. „Ich fand die Umsetzung hübsch“, sagt Nicole Hager, Inhaberin der Spielbar. Kunden sind vor allem Touristen, die etwas typisch Saarländisches als Souvenir mitnehmen wollen. Das Etikett sei unschön, sagt Sträßer. Er habe es, ohne sich mit Gestaltungsprogrammen auszukennen, selbst entworfen. „Das nicht ganz Perfekte macht uns aus“, glaubt er. Zu manchen Zeiten sind die Dosen besonders gefragt. „Zu Weihnachten sitzt man bis nachts da und klebt die Etiketten drauf.“

Zur Veröffentlichung in der F.A.Z.

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