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Im Wohnwagen das Wohnen wagen

Ein Start-up aus Wien fertigt umweltschonende Häuschen auf Rädern. Seine Kunden träumen vom autarken Leben.

F.A.Z.

22.06.2018

Janik Böhme

Lise-Meitner-Gymnasium, Grenzach-Wyhlen

Wohnwagons sind „Tiny Houses“, winzige Häuser, und kommen ursprünglich aus den Vereinigten Staaten. Es sind auf Trailer aufgebaute Häuschen. Die WW Wohnwagon GmbH, eine Manufaktur aus Wien, fertigt sie aus natürlichen, möglichst regional verfügbaren Materialien wie Holz, Lehm und Schafwolle, lediglich das Fahrgestell ist aus Metall. „Das Wichtigste ist, dass unsere Wohnwagons ressourcenschonend sind“, erklärt die Geschäftsführerin Theresa Steininger, „denn gerade beim Bauen fällt ein ungeheurer Energiebedarf an, vor allem bei der Gewinnung und Aufbereitung des Baumaterials.“ Man sei Vorreiter im Bereich autarke Wohnwagen sowohl auf dem österreichischen als auch auf dem deutschen Markt.

In der Basisversion werden die Wagons als Rohbau mit Steckdosen und Sicherungskasten ausgeliefert; Kunden können sie an das städtische Wasser- und Stromversorgungssystem anschließen. Die teurere Version ist mit einem Wasseraufbereitungssystem und Solaranlagen ausgestattet, sodass die Bewohner auf einen Anschluss an das Strom- und Kanalnetz verzichten können. „Besonders stolz sind wir auf unsere Warmwasser- und Zentralheizungsanlage“, sagt Steininger. „Mit Sonnenenergie wird ein 200-Liter-Warmwassertank aufgeheizt. An sonnenärmeren Tagen kann ein Holzofen die Erwärmung übernehmen.“

Ideengeber für diese alternative Art des Wohnens ist Christian Frantal. „Modern wohnen und trotzdem geerdet und mit der Natur verbunden sein, das wollte ich ausdrücken“, sagt er. Gemeinsam mit Marketingfachfrau Steininger hat er das Unternehmen 2013 gegründet. „Wir wollen mit dem Wohnwagon einen kleinen Beitrag dazu leisten, den Problemen der Wasserknappheit und Raumknappheit zu begegnen. Außerdem soll er Menschen eine ganzjährige Möglichkeit bieten, unabhängig zu leben“, erklärt Steininger.

Für den Prototyp sammelte man 70 000 Euro über eine Crowdfunding-Plattform ein und dann rund 140 000, um in die Serienproduktion zu gehen. „Inzwischen haben wir 18 Wohnwagen verkauft, davon zehn nach Deutschland“, berichtet Frantal. 2017 hatte das Unternehmen einen Umsatz von 2Millionen Euro. Der kleinste Wohnwagon ist 2,5 Meter breit und 6 Meter lang, die größere Variante ist 10 Meter lang.

Die Kunden können sich aussuchen, wie sie die Räume aufteilen wollen und wie groß der Grad der Selbstversorgung sein soll. „Wer das ganze Jahr über in dem Wohnwagen leben möchte, hat genug Strom für alle nötigen Haushaltsgeräte zur Verfügung“, erklärt Steininger. Mit Hilfe von Fotovoltaikpaneelen sowie einer Regenauffangvorrichtung auf dem Dach und einer Grünkläranlage kann der Kunde völlig unabhängig sein Domizil dort plazieren, wo es ihm gefällt. Das Fahrwerk ist für eine Geschwindigkeit von 80 Stundenkilometer ausgerichtet. Man berät die Kunden auch zum Standort. „Am besten ist ein eigenes oder gepachtetes Grundstück“, erläutert Steininger.

Man kann auch zwei Wagen zusammenschließen und Bereiche für Kinder und Eltern abtrennen. Allerdings reiche die Stromversorgung nur für Beleuchtung und Haushaltsgeräte, nicht zum Fernsehen. „Zur Finanzierung kann man seinen Wohnwagon zeitweise über Airbnb vermieten“, rät Steininger.

Ist das Leben darin wie jeden Tag Urlaub? Das finden zumindest die Wohnwagon-Kunden Martin Zels und Oriana Stock. Das Holz und die Schafwolle böten ein gutes Raumklima. „Wir sind sehr zufrieden und freuen uns immer auf das Frühjahr, wenn wir mit geöffneter Flügeltür praktisch auf unserer Wiese frühstücken können.“

In Deutschland gibt es inzwischen ähnliche Anbieter wie die Zirkuswagen-Manufaktur in Leipzig. „Wir bieten ausschließlich maßgefertigte Holz-Zirkuswagen an“, sagt Geschäftsführer Fabian Krüger. „2017 haben wir lediglich einen einzigen Zirkuswagen gebaut und ausgeliefert, denn die durchschnittliche Fertigungszeit für einen bezugsfertigen Wagen mit Oberlicht dauert etwa zehn Monate.“

Seit Ende des vergangenen Jahres steht in Zossen bei Berlin der Wohnwagon „Frieda“, der von dem Veranstalter Good Travel zum Probewohnen gemietet werden kann. „Der Wohnwagon bietet für 120 Euro die Nacht inklusive Frühstück eine qualitativ hochwertige Unterkunft“, findet Franziska Diallo von Good Travel.

Das Konzept des autarken Wohnens haben Frantal und seine 17 Mitarbeiter mit einem Einfamilienhaus weiterentwickelt, das eine Fläche bis 93 Quadratmetern hat sowie eine Biotoilette und eine Solaranlage mit Energiespeicher. Die Basisversion mit den Autarkiepaketen Wasser und Strom kostet 195 000 Euro.

Zur Veröffentlichung in der F.A.Z.

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