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Dort hängt das Leben am seidenen Faden

Jim Knopf, Urmel und Sandmännchen: Die Augsburger Puppenkiste fasziniert seit Generationen kleine und große Zuschauer. Doch warum ist sie nicht mehr im Fernsehen zu sehen?

F.A.Z.

3.05.2018

Lea Hüttinger

Aventinus-Gymnasium, Burghausen

Eine Insel mit zwei Bergen und dem tiefen, weiten Meer. Mit vier Tunnels und Geleisen und dem Eisenbahnverkehr. Nun, wie mag die Insel heißen? Ringsherum ist schöner Strand. Jeder sollte einmal reisen. In das schöne Lummerland!“ Ein Liedtext, den viele kennen. Dieser Ausschnitt aus dem Lummerlandlied von Jim Knopf weckt Erinnerungen bei Groß und Klein. Die Geschichte von Jim Knopf und Lukas dem Lokomotivführer wurde von einem Dutzend Verlage abgelehnt, bis sie von der Augsburger Puppenkiste 1961 in Schwarzweiß und fünfzehn Jahre später in Farbe verfilmt wurde, erzählt Michael Neumeir, Büroassistent der Augsburger Puppenkiste. Und es gibt noch viel mehr berühmte Produktionen der Augsburger, zum Beispiel „Lilalu im Schepperland“, „Urmel aus dem Eis“ und „Kater Mikesch“.

Die Produktionen lassen sich in zwei Kategorien einteilen: zum einen in die Theaterproduktion und zum anderen in die Fernseh- und Kinoproduktion. Schon am 26. Februar 1948 fand die erste Aufführung der Augsburger Puppenkiste statt. „Der gestiefelte Kater“ wurde im Heilig-Geist-Spital in Augsburg unter der Leitung des Gründers Walter Oehmichen gezeigt. Bis heute sind mehr als 20000 Vorstellungen von rund 300Inszenierungen aufgeführt worden; etwa 5 Millionen Besucher haben sie gesehen. Bei jeder Aufführung fallen Lizenzen und Tantiemen für Bearbeiter, Komponisten und Verlage an. Die Auslastung der inszenierten Stücke liegt nach eigenen Angaben bei 95 Prozent, wobei in der Weihnachtszeit eine Auslastung von mehr als 100 Prozent nicht unüblich sei, sagt Klaus Marschall, der Enkel des Gründers Walter Oehmichen; er ist der Leiter und Inhaber der Augsburger Puppenkiste. Eine Auslastung, die über 100Prozent liegt, ist durch die Doppelbelegung von Sitzplätzen möglich, denn Kinder bis zu drei Jahren und unter einem Meter dürfen auf dem Schoß der Eltern sitzen.

Um zum Beispiel für den „Räuber Hotzenplotz“, eines der erfolgreichsten Stücke der Augsburger, Karten erstehen zu können, muss man diese meist drei Monate vor dem Besuch besorgen. Der Preis der Karten, der in den Anfängen des Marionettentheaters eine Zigarette für zehn Sitzplätze betrug, liegt heute zwischen 9,50 und 25 Euro je Ticket. Doch nicht nur Kindertheater werden in der Augsburger Puppenkiste aufgeführt. Jedes Jahr an Silvester wird ein Satireprogramm für Erwachsene präsentiert. Die 220 Sitzplätze in dem Theatersaal seien dann meistens ausverkauft, berichtet Neumeir. Insgesamt reicht die Altersspanne der Besucher von sehr jung bis sehr alt; am wenigsten vertreten sind Jugendliche.

Fast vierzig Mitarbeiter hat das Marionettentheater der Augsburger Puppenkiste. Siebzehn davon sind Puppenspieler; für die Aufführung eines Stückes braucht man laut Marschall etwa acht. Die Umsätze des Theaters sind insgesamt stabil. Im vergangenen Jahr hätten sie knapp über 2 Millionen Euro gelegen. Allerdings machte die Augsburger Puppenkiste 2017 trotz stabiler Erlöse Verlust. Das habe daran gelegen, dass die Zuschüsse der Stadt und des Freistaats Bayern, die zusammen rund 500000 Euro betragen, und die Preise für die Eintrittskarten nicht entsprechend der Inflation erhöht worden seien. Ein weiterer Grund seien die Personalkosten, mit einem Anteil von fast 70Prozent der größte Ausgabenposten. Der Augsburger Puppenkiste sei es ein Anliegen, „die Preise möglichst flach zu halten“, erklärt Theaterleiter Marschall. Man wolle Familien aus allen Einkommensschichten einen Besuch ermöglichen. Doch werden sie in naher Zukunft angehoben werden müssen.

Nicht nur das Puppentheater ist Teil der Augsburger Puppenkiste; sie ist auch im Fernsehen zu sehen. Am 21. Januar 1953 gab es die erste Live-Ausstrahlung; gezeigt wurde „Peter und der Wolf“. Damit sei die Puppenkiste die älteste Kindersendung und nach der „Tagesschau“ die zweitälteste Sendung im deutschen Fernsehen, berichtet Marschall. Als die Puppenkiste in den sechziger Jahren die Vorteile der Fernsehproduktion entdeckte, verfilmte sie immer mehr Stücke und konnte so ein viel größeres Publikum erreichen. Es folgten Sendungen wie „Jim Knopf“, „Lilalu im Schepperland“ und das Sandmännchen sowie Filme wie „Urmel aus dem Eis“.

Ein weiterer Grund für die Expansion in die Fernsehbranche war die Art der Inszenierung. Da einem bei einem Film eine Spielzeit von rund zwei Stunden zur Verfügung steht und bis zu vierzig Schauplätze nötig sind, wäre dies auf einer Theaterbühne überhaupt nicht umsetzbar. Dies sei der Grund, warum keine Geschichte, die als Theater aufgeführt worden sei, auch als Film existiere, erklärt Marschall.

Seit dem Jahr 2011 werden jedoch keine Fernsehproduktionen der Augsburger Puppenkiste mehr ausgestrahlt, „da Fernsehredakteure denken, dass die Inszenierungen zu langweilig und altmodisch für die Kinder heutzutage seien“, sagt Marschall. Er ist da ganz anderer Meinung; der Theatermann ist überzeugt, dass das Puppentheater eine nachhaltige Unterhaltung darstellt. Kinder müssten ihre Phantasie spielen lassen, um sich auf die Geschichten einlassen zu können. Bei den heutigen bunt animierten Kinderserien sei dies nicht nötig; alles sei perfekt inszeniert, die Vorstellungskraft werde nicht mehr gefordert. Dieser Ansicht ist auch Manfred Spitzer, bekannter Buchautor und Ärztlicher Direktor der Psychiatrischen Universitätsklinik in Ulm, wie er auf Anfrage mitteilt. Die Nachhaltigkeit der Unterhaltung sieht Marschall auch als wichtigen Grund für den Erfolg der Augsburger Puppenkiste. „Sie hat Generationen begleitet.“

Ganz verschwunden ist die Augsburger Puppenkiste jedoch nicht von den Bildschirmen; im Jahr 1997 brachte man den ersten Film in die Kinos, „Die Story des Monty Spinnerratz“. In der Weihnachtszeit werde die Puppenkiste wieder in den Filmtheatern zu sehen sein, sagt Neumeir. Man will an den Erfolg des vergangenen Jahres anknüpfen, als die Vorstellungen von rund 100000 Menschen besucht wurden.

Die etwa 5000 Figuren können auch in Augsburg im Puppenmuseum besucht werden. Das Museum, eines von rund zehn Puppenmuseen in Deutschland, gilt als „das erfolgreichste Museum dieser Art in Europa“, sagt Marschall stolz. Jährlich zählt man 65000 bis 70000 Besucher; im vergangenen Dezember sei der einmillionste begrüßt worden, erzählt Neumeir.

Doch nicht nur Theater-, Kino- und Museumsbesucher sind Kenner der Geschichten und Figuren der Augsburger Puppenkiste. In besonderer Weise sind das Theater und die Fußballfans des FC Augsburg miteinander verbunden. Da gibt es zum einen die Statements vom Kasperl zu den Spielen des Vereins, der in der Fußball-Bundesliga spielt. Zum anderen ertönt das Lummerlandlied immer dann, wenn die Augsburger ein Tor geschossen haben. Das schaffe eine besondere Verbindung zwischen „zwei traditionsreichen Unternehmen“, sagt Dominik Schmitz, der Leiter der Medien- und Öffentlichkeitsarbeit des FC Augsburg. Austausch und Kooperation würden von beiden Seiten sympathisch gelebt.

Zur Veröffentlichung in der F.A.Z.

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