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Der Tod verduftet nicht so einfach

Eine Geiz-ist-geil-Mentalität und der Trend zur Urne machen Friedhofsgärtnern das Leben schwer. Für alle, die wenig ausgeben und dennoch ein blühendes Grab möchten, haben sie neue Angebote ersonnen.

F.A.Z.

2.11.2017

Zara Pasanbegovic

Landgraf-Ludwigs-Gymnasium, Gießen

Der Tod mitsamt den notwendigen Vorkehrungen ist für die meisten Menschen ein unangenehmes Thema. Dass man Gärtnereien mit der professionellen Grabpflege beauftragen kann, mag es etwas erträglicher machen. Das war nicht immer so: Der erste Dauergrabpflegevertrag in Hessen liegt ein halbes Jahrhundert zurück. 1967 war die Gärtnerei Friedrich Schulz in Gießen die erste Gärtnerei in Hessen, die laut Stefan Friedel, dem Geschäftsführer der Treuhandstelle für Dauergrabpflege Hessen-Thüringen GmbH, einen dauerhaften Grabpflegevertrag aufsetzte. „Es gab schon einen Vertrag von der rheinischen Treuhandstelle. Auch in Frankfurt war Ähnliches im Aufbau“, erklärt der Gartenbauingenieur Christoph Schulz, der das Familienunternehmen in vierter Generation führt. Birgit Ehlers-Ascherfeld, die Vorsitzende des Bundes deutscher Friedhofsgärtner (BdF), sagt: „Seit durchschnittlich fünfzig Jahren werden im Bundesgebiet Dauergrabpflegeverträge geführt.“

Derzeit existierten rund 2000 Friedhofsgärtnereien in Deutschland. „Oft wohnen die Kinder oder sonstigen nahen Angehörigen nicht mehr in der Nähe der Grabstätte. Damit ist es für sie nur schwer möglich, das Grab in einem ansehnlichen Zustand zu halten“, erklärt Schulz. Doch laut Lutz Rademacher, dem Chef der Friedhofsgärtnerei Heidefriedhof in Berlin, ist die Zielgruppe sichtlich geschrumpft. Die Menschen, denen der Friedhof wichtig sei, seien meist älter. Sie könnten nicht mehr so viel selbst machen und hätten ausreichend finanzielle Mittel zur Verfügung, diese Arbeiten zu vergeben. „Bei vielen anderen gilt der Spruch ,Geiz ist geil!‘“, berichtet Rademacher. „Unser Friedhof hat etwa 550 Bestattungen im Jahr, 20 Prozent sind Erdbeisetzungen und 80 Prozent Urnenbeisetzungen. 50 Prozent aller Urnenbestattungen erfolgen in namenlosen Sammelgräbern auf einer Rasenfläche – ganz wie die Beisetzungen der Kriegstoten Ende der 1940er Jahre.“ Eine anonyme Beisetzung kostet in Berlin nur 36 Euro. „Dafür wird zwanzig Jahre der Rasen gemäht“, erklärt Rademacher.

In der Verbraucherinitiative Aeternitas geht man davon aus, dass die meisten Menschen die Gräber noch selbst pflegen, der Anteil derjenigen, die einen Friedhofsgärtner beauftragen, aber zunimmt. „Wobei Grabarten, die keine Pflege nötig machen, immer beliebter werden, wie Urnenwände, Rasengräber, Baum- und Seebestattungen“, sagt Pressesprecher Alexander Helbach. Die Gärtnerei Schulz kümmert sich um etwa 1000 Gräber. Der Umsatz des Unternehmens liegt nach eigenen Angaben im sechsstelligen Bereich. Nur die Grabpflege ohne Bepflanzung kostet für ein Doppelgrab 190 Euro im Jahr. Das Grab kann durch Frühjahrs- oder Herbstbepflanzung, Kränze an Gedenktagen oder Sträuße zu sonstigen Anlässen individuell gestaltet werden. Rademacher sagt, dass die Preise teilweise wie der eines Trabis und eines Lamborghinis auseinanderlägen. Eine Doppelwahlstelle auf dem Heidefriedhof in Berlin, ohne jegliche Sonderleistungen, kostet 225,50 Euro im Jahr. Als die Gärtnerei Schulz anfing, kostete ein Doppelgrab erst 80 DM im Jahr. „Bei dem ersten Vertrag handelte es sich um ein Doppelgrab, das nur mit Efeu bepflanzt war, ein sogenannter Efeuhügel.“

Es gebe zum Teil erhebliche Unterschiede zwischen christlichen und jüdischen Gräbern in der Gestaltung, sagt Schulz. Sie glichen sich aber etwas an. „An christlichen Gräbern gibt es mehr Blumenschmuck.“ Viel größer sei der Unterschied zu den muslimischen Gräbern, schon wegen der Ausrichtung des Grabes.

Junge Menschen bevorzugten eine Erd-, ältere eine Urnenbestattung, sagt Schulz. Insgesamt werde die Erdbestattung mit Sarg zunehmend durch die Urnenbestattung abgelöst. Das erschwert das Geschäft. „Bei Urnengräbern ist die Pflanzfläche meist sehr viel geringer“, erklärt Schulz. Auch würden nicht so viele Kränze und Gestecke gekauft. Für Sammelbegräbnisse würden oft gar keine Blumen mehr gekauft, berichtet Rademacher. Die Berliner Friedhofsgärtner haben deshalb 2007 das Modell der Ruhegemeinschaft konzipiert. Den wenigen noch am Friedhof Interessierten werde dadurch die Möglichkeit einer Grabpflege zu geringen Kosten ermöglicht. Die Idee dahinter: Viele Hinterbliebene teilen sich die Kosten der Pflege einer gemeinsamen Grabstätte. Die Urne findet einen Platz in einem gärtnerisch gepflegten und wechselnd mit Blumen bepflanzten Grab. Der Name des Verstorbenen findet sich in einer Inschrift wieder. Derzeit kostet die zwanzigjährige Betreuung in der Ruhegemeinschaft knapp 1000 Euro. Zum Vergleich: Für etwa 3000 Euro wäre es möglich, einen Vertrag mit einer Minimalstpflege auf dem Heidefriedhof abzuschließen, sagt Rademacher. Ruhegemeinschaften würden drei Mal jährlich wechselnd bepflanzt. „Auf unserem Friedhof erfolgen derzeit etwa 40 bis 50 Beisetzungen jährlich in einer Ruhegemeinschaft, was etwas mehr als 10 Prozent aller Urnenbeisetzungen auf unserem Friedhof entspricht.“

Immer beliebter werden auch die Memoriam-Gärten. Damit wolle man dem Trend hin zu Baumgräbern und Bestattungswäldern entgegenwirken, erklärt Schulz. „Memoriam-Gärten sind wunderschön gestaltete Gärten, die zugleich Teil eines Friedhofs sind.“ Alle Grabstätten seien harmonisch miteinander verbunden. Wegen der Dauergrabpflege durch Gärtner grünten und blühten Memoriam-Gärten das ganze Jahr über, heißt es vom Friedhofsgärtnerverband. Memoriam-Gärten seien auch in Berlin erfolgreich, sagt Rademacher. „Die Bevölkerung zieht die Beisetzung in einem hochwertigen, gartenähnlichen Umfeld einer Beisetzung in den doch mehr oder weniger aus Kostengründen vernachlässigten Grabfeldern der städtischen Friedhöfe vor.“ Zur Bundesgartenschau Schwerin 2009 wurde erstmals ein Memoriam-Garten gestaltet. Nach Angaben der Friedhofsgärtner gibt es hierzulande gut siebzig lizenzierte Memoriam-Gärten. Die Kosten der Bestattung variieren, sind aber geringer als bei einer klassischen Bestattung.

Noch etwas bereitet den Friedhofsgärtnern Kopfschmerzen: der Blumenklau. „Es vergeht nicht eine Woche, in denen wir nicht von Diebstählen hören“, berichtet Rademacher. Man könne die Diebstähle nicht ganz verhindern, weil die Friedhöfe zu groß seien und zu viele Eingänge hätten. Was die Gärtnereien nach seinen Worten außerdem schädigt, sind die „mehr als genug“ Schwarzarbeiter.

Zur Veröffentlichung in der F.A.Z.

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