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Der Gang zum Kiosk dient der Gesundheit

Ein ungewöhnliches Hamburger Projekt soll Krankenkassen entlasten und Patienten zufriedener machen.

F.A.Z.

1.02.2018

Moritz Ziermann

Gymnasium Ohmoor, Hamburg

In Hamburg gibt es den nach eigenen Angaben ersten Gesundheitskiosk in Deutschland. Er bietet in acht Sprachen, unter anderem Russisch, Arabisch, Farsi und Spanisch, Beratung und Vermittlung an. Patienten werden von Ärzten wegen sprachlicher Barrieren und mangelnder Zeit an den Gesundheitskiosk überwiesen, wie Antje Jonas, zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit, erläutert. Oft kämen sie, um sich Fachwörter aus Diagnoseberichten erklären zu lassen oder um sich beim Ausfüllen von Formularen, zum Beispiel zu den Pflegestufen, helfen zu lassen. Der Kiosk hat acht Mitarbeiter: Fachkräfte in der Gesundheitsprävention, Hebammen, Fachkrankenpfleger, Altenpfleger und Sozialwissenschaftler. Die Liste der Kooperationspartner reicht von der Krankenkasse AOK über Suchthilfezentren, Elternschulen, Sportvereine und Bücherhallen bis hin zum Deutschen Roten Kreuz.

Die Ärzte aus der Umgebung vermitteln drei Viertel der Patienten. „Die Top-Fünf-Diagnosen sind Übergewicht, verbunden mit Diabetes und Herzkrankheiten, psychische Krankheiten, Rückenschmerzen und die chronisch obstruktive Lungenerkrankung (COPD)“, berichtet Isabella Kleinowski vom Gesundheitsnetzwerk „Gesundheit für Billstedt/Horn“, zu dem der Kiosk gehört. „Ein großes Thema ist auch die Begleitung der Gewichtsreduktion.“ In Billstedt leben viele Migranten; der Anteil der Bezieher von Arbeitslosengeld ist mehr als doppelt so hoch wie im Hamburger Durchschnitt. Und die Versorgung mit Ärzten ist relativ schlecht.

Der Gesundheitskiosk zählte seit der Eröffnung am 28. September bis kurz vor Weihnachten rund 600 Kontakte. Er ist eine haftungsbeschränkte Unternehmergesellschaft, die Gesundheit für Billstedt/Horn UG, und bietet den Patienten seine Dienste kostenlos an. Die Gesellschafter sind das Ärztenetz Billstedt-Horn e.V., die Optimedis AG, die SKH Stadtteilklinik Hamburg und der NAV-Virchow-Bund. Die ersten drei Jahre bekommt der Kiosk Geld aus dem Innovationsfonds, der von den gesetzlichen Krankenkassen und dem Gesundheitsfonds der Bundesregierung getragen wird.

Helmut Hildebrandt ist der Vorstandsvorsitzende der Optimedis AG, einer Management- und Beteiligungsgesellschaft, die innovative Versorgungssysteme im Gesundheitssystem entwickelt. Der Gesundheitskiosk soll nach seinen Worten die Kosten für die Versorgung von Patienten senken. Wenn dies klappe, dann „geben uns die Krankenkassen einen Anteil daran zurück“, sagt er. Ein ähnliches Projekt hat Optimedis in Süddeutschland aufgebaut. Es heißt „Gesundes Kinzigtal“. Eine Evaluation für das Jahr 2012 ergab für die AOK-Versicherten Einsparungen von 4,6 Millionen Euro oder 146 Euro je Versichertem.

Auch in Hamburg soll überprüft werden, ob der Kiosk zum Beispiel zu weniger Krankenhauseinweisungen, geringeren Medikamentenkosten, weniger Doppeluntersuchungen und einer größeren Zufriedenheit führt. Er ist nach Angaben von Hildebrandt für die ersten drei Jahre mit rund 1,5 Millionen Euro kalkuliert; 80 Prozent sind Personalkosten.

Laut Hildebrandt sind ein starker Kostentreiber im Gesundheitswesen die Krankenhausfälle, die durch ambulante Versorgung vermeidbar gewesen wären und für die Patienten oft sehr belastend sind. Einige der Projekte der Gesundheit für Billstedt/Horn UG, zum Beispiel das Programm „Herz im Blick“ für Patienten mit schwerer Herzerkrankung, sollen die Einweisung ins Krankenhaus ersparen.

In Finnland gibt es den Terveyskioski: Diese Gesundheitszentren sind erste Anlaufstelle für alle. In ihnen wird entschieden, ob Patienten bei Ärzten vorgelassen werden. „Die freie Arztwahl bleibt in unserem Projekt erhalten“, erläutert Jonas. „Wir wollen den Patienten nicht vorschreiben, zu welchem Zeitpunkt sie welchen Arzt aufsuchen sollen. Vielmehr wollen wir Unsicherheiten ausräumen und die Patienten befähigen, diese Entscheidungen selbst zu treffen.“

Zur Veröffentlichung in der F.A.Z.

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