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Das wird ein Heidenspaß, und alle müssen dran glauben

Jacques Tillys respektlose Darstellungen der Mächtigen sind die große Attraktion auf dem Düsseldorfer Rosenmontagszug. Sie haben ihm allerdings schon böse E-Mails und Drohungen eingebracht.

F.A.Z.

2.02.2017

Mia Lebbäus

Berufskolleg Siegburg, Siegburg

Der türkische Präsident Erdogan prostet einem IS-Führer mit Weingläsern voller Kurdenblut zu. Der amerikanische Präsident Donald Trump, mit der Aufschrift „Make fascism great again“ auf seiner blonden Haartolle, brüllt die Freiheitsstatue an, die ihm die lange Nase zeigt. Angela Merkel kämpft in einem kleinen Boot gegen die Flüchtlingswelle an. Horst Seehofer in Lederhose hängt am Schlagbaum und versucht vergeblich, die Öffnung zu verhindern. Das sind nur einige Beispiele für die bissigen Kommentare Jacques Tillys zum politischen Geschehen. Seine Mottowagen auf dem Düsseldorfer Rosenmontagszug, der bis zu einer Million Besucher anlockt, sind auch außerhalb der Stadt berühmt. Der selbständige Künstler, Bildhauer und studierte Kommunikationsdesigner dürfte der bekannteste Karnevalswagenbauer Deutschlands sein. Er wird auch schon mal als der heimliche Star des Düsseldorfer Karnevals bezeichnet.

Der Kölner Kabarettist Jürgen Becker ist ebenfalls begeistert: „Von der ,Washington Post‘ bis ,The Hindu‘ in Indien: Tillys geniale Wagen werden alljährlich weltweit abgebildet und besprochen. Kaum ein Satiriker entfaltet eine solche Wucht. Und stets wird dabei die Stadt Düsseldorf erwähnt, ein besseres Marketing ist schwer vorstellbar.“ Auch der Geschäftsführer der Düsseldorf Marketing & Tourismus GmbH Frank Schrader findet: „Die frechen satirischen Wagen von Jacques Tilly sind echte Werbeträger für Düsseldorf. Vor allem, weil sie seit Jahren für Denkanstöße und Schmunzler sorgen, kann man durchaus von einem nachhaltigen Imagetransfer sprechen.“

Zur Not baut er einen Wagen an einem Tag

Er liebe seine Arbeit, sagt Tilly. Rund 33 Jahre ist er im Bau von Karnevalswagen tätig. „Humor musste immer ein wichtiger Bereich in meinem Leben sein. Und ich war schon immer ein ,homo politicus‘. Wenn beides zusammenkommt, wie beim Karneval, dann ist das ideal.“ Schon 1984 nach dem Abitur assistierte Tilly beim Wagenbau im Düsseldorfer Karneval; und auch während des Studiums in Essen baute er nebenbei Karnevalswagen, um sich etwas Geld zu verdienen – genauso wie in den sechziger Jahren die Künstler Gerhard Richter und Günther Uecker, wie Tilly erzählt. Seit etwa zwanzig Jahren widmet sich Tilly ganz der Herstellung von Großplastiken für den Karneval, Feste, Messen und Filmproduktionen. „Zur Not bauen wir einen Wagen an einem einzigen Tag: dem Tag vor Rosenmontag“, sagt er. Nur so kann man brandaktuelle Themen auf dem Rosenmontagszug präsentieren. Zugleiter Hermann Schmitz formuliert es so: „Wenn der Papst am Sonntag heiratet, ist das Montag auf dem Zug.“

Zwölf Mottowagen, wie Tilly die politischen Wagen nennt, bauen er und sein Team aus selbständigen Künstlern, Designern und Theaterplastikern jedes Jahr. Hinzu kommen mehrere Dutzend Vereinswagen, Prinzenwagen und Prunkwagen. Die Preisspanne für einen Wagen liege je nach Aufwand zwischen 4000 und 15 000 Euro. „Das ist eine Bauchsache, ich entscheide immer nach Gefühl“, sagt Tilly. Materialien wie der Knochenleim und das wasserfeste Blumenpapier seien schwer aufzutreiben und müssten in ganz Deutschland zusammengekauft werden. Die Materialkosten je Wagen liegen zwischen 500 und 2000 Euro. Direkt am Karnevalsdienstag werden die Wagen zerschreddert; vorher werden aber die Dachlatten entfernt, damit man sie wiederverwerten kann. Insgesamt verwende man nur umweltfreundliche Materialien sowie kein Styropor und keine Chemie.

Zur Ganzjahresbeschäftigung wird der Wagenbau durch die große Zahl der Gesellschaftswagen, mit deren Bau schon im Sommer begonnen wird, während die Arbeit an den Mottowagen aus Aktualitätsgründen erst im Januar beginnt. Um so aktuell wie möglich zu sein, baute Tilly im vergangenen Jahr sechs der zwölf Mottowagen neu, als der Rosenmontagszug wegen eines orkanartigen Sturmtiefs in den März verlegt werden musste. Am Rosenmontag zeigte man die zwölf Mottowagen wenigstens auf dem Rathausplatz, alle anderen Wagen blieben im Depot.

Tilly ist nicht der klassische Chef

Tilly und sein Team fertigen auch Bühnendekoration, unter anderem für die Fernsehsitzung des Düsseldorfer Karnevals. Viele Unternehmen beauftragten ihn mit der Erstellung von Großplastiken für Veranstaltungen. Besonders nachgefragt seien vier Meter große Dekoblumen. Für ein Möbelhaus hat er mal ein riesiges Hinterteil produziert. Der Künstler liefert auch ins Ausland, zum Beispiel in die Schweiz und nach Österreich. Die eine Hälfte seines Verdiensts stamme aus dem Karneval und die andere aus den persönlichen Auftragsarbeiten, schätzt er. Künftig möchte er mehr für Non-Profit-Organisationen arbeiten.

Zum Umsatz sagt Tilly nur, dass er im sechsstelligen Bereich liege. Er sei kontinuierlich und deutlich gestiegen. Die Zahl der Mitarbeiter hat er auf sieben verringert. „Ich habe mehr auf Effektivität gesetzt; seitdem leisten wir mehr mit weniger Menschen.“ Mitarbeiterin Laura Fee Thorenz sagt: „Jacques ist nicht der klassische Chef, sondern agiert eher als Anführer der Künstlerzusammenkunft.“

Bei der Entwicklung der Mottowagen bemühe er sich darum, die Geschichte exakt auf den Punkt zu bringen, damit die Botschaft sofort verstanden werde, erzählt Tilly. Es sei aber schwierig, Themen zu finden, die zünden, die nicht schon überholt oder langweilig seien. „Also, ich setze mich hin und versuche Ideen zu bekommen, die ich dann auf meinem Block skizziere. Das sind kleine Telefonskizzen, bestimmt dreißig je Wagen.“ Dabei hilft ihm das Hören lauter elektronischer Musik. „Das knetet mein Gehirn so richtig durch, wenn der Bass schön aufgedreht ist.“ Die akzeptablen Skizzen stellt er in Farbe dar und zeigt sie seiner Frau und den Teammitgliedern. Was sie gut finden, wird dem Karnevalskomitee gezeigt.

Ein Aufklärer und Satiriker

Dieses zensiert laut Tilly so gut wie nichts und wünsche sich eher noch mehr Schärfe. Michael Laumen, Präsident des Comitee Düsseldorfer Carneval e.V., findet, der Düsseldorfer Zug sei der schärfste in der Republik. „Dafür ist Jacques Tilly verantwortlich – ein Aufklärer als Satiriker.“ Auch andere Karnevalswagenbauer sind voll des Lobes. „Tilly und sein Team trauen sich, Themen aufzugreifen, die in Köln und Mainz nicht laufen würden“, sagt Klaus Wilinski, ehemaliger Designer der Mainzer Karnevalswagen.

Tilly sieht sich in der Tradition der Aufklärung und des Humanismus, aber auch in der rheinischen Tradition des Karnevals. Politische Satire hat im rheinischen Karneval eine lange Tradition. Die Bevölkerung soll einmal im Jahr den Mächtigen ungestraft einen Spiegel vorhalten dürfen. Narrenfreiheit liege ihm sehr am Herzen, sagt Tilly, der die Eulenspiegelei schon im Namen trägt. Humor und Satire seien ein Gradmesser für die Freiheit einer Gesellschaft.

In puncto Respektlosigkeit macht Tilly so schnell keiner etwas vor. Der WDR bezeichnete ihn einmal als den Mann, der „Angela Merkel ausgezogen“ und „Adolf Hitler die Hose heruntergelassen hat“. Tilly verschont auch religiöse Würdenträger nicht. Das hat ihm schon Drohungen und böse E-Mails eingebracht, aber noch keine Gerichtsprozesse. Deutsche Richter bewerteten die künstlerische Freiheit und die Pressefreiheit sehr hoch, sagt er. Einige seiner Motivwagen haben heftige Proteste ausgelöst, ihm wurden Respektlosigkeit und Tabuverletzungen vorgeworfen. In einem Fall wurde ihm eine einstweilige Verfügung angedroht: 1994 wegen einer Plastik des nackten Altkanzlers Helmut Kohl.

Seit 2000 sind die Wagen bis zum Rosenmontagszug streng geheim. Für den diesjährigen Umzug hat Tilly schon eine Andeutung gemacht: „Trump ist ein Göttergeschenk für die Satiriker.“ Einer seiner Lieblingswagen ist der Charlie-Hebdo-Wagen aus dem Jahr 2015. Er stellt einen enthaupteten Karikaturisten dar, der vor seinem Mörder, einem schwarz vermummten Islamisten, davonläuft, der den blutigen Krummsäbel noch in der Hand schwingt. Das Opfer hält die erste Charlie-Hebdo-Ausgabe in den Händen, eine Sprechblase aus dem Hals des Toten verkündet: „Satire kann man nicht töten.“ 

Zur Veröffentlichung in der F.A.Z.

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