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Blutige Laien gesucht

Filmpool produziert bekannte Fernsehserien wie „Berlin – Tag & Nacht“ und „Auf Streife“ und beschäftigt dafür nichtprofessionelle Darsteller. Gezeigt werden soll das echte Leben. Schaden die Sendungen den vielen jungen Zuschauern?

F.A.Z.

7.12.2017

Lena Borkowski

Berufskolleg Siegburg, Siegburg

Joleen bringt ihre alte Freundin Zeynep mit in die WG; doch als diese sich an ihren Freund Diego ranmacht, rastet Joleen aus – mal wieder. Wer „Scripted Reality“-Formate wie „Berlin – Tag & Nacht“ schaut, wird Zeuge von solchen Dramen. Sie dominieren den späten Nachmittag im Fernsehen. Auch verbotener Versöhnungssex auf der Dachterrasse ist in „Berlin – Tag & Nacht“ auf RTL2 leicht mitzuverfolgen. Und Sprüche wie „Du Mülltonnengeburt“ hört man in „Auf Streife“. Während die Laiendarstellerin das sagt, bedrängt sie eine andere Laiendarstellerin mit einer Klobürste. Oft spielen sich auch Szenen in Schulen ab, wie in der Folge „Der Tanz-Bär“ von „Auf Streife“: Die Beamten werden in eine Schule gerufen, wo ein Sportlehrer überfallen wurde. Die Polizisten sehen sofort, dass dies weit mehr als nur ein Schülerstreich ist.

Alle diese Szenen stammen aus Produktionen von Filmpool. Das Unternehmen aus Hürth habe nicht nur neue Formate entwickelt, mit denen es zum Trendsetter in der Branche geworden sei, sagt Horst Röper, der Leiter des Dortmunder Medienforschungsinstituts Formatt. Es setzte auch, was das Sparen von Produktionskosten betrifft, unter anderem durch den Einsatz von Laiendarstellern, Maßstäbe.

Mit zehn Formaten des Genres Scripted Reality wie „Auf Streife“, „Verdachtsfälle“, „Die Straßencops“ und „Klinik am Südring“ und 1500 neuen Programmstunden im Jahr ist Filmpool nach eigenen Aussagen die Produktionsfirma, die am meisten Programme entwickelt. Dabei wird „Berlin – Tag & Nacht“ auch in Ländern wie Ungarn, Österreich und der Slowakei ausgestrahlt. Mit „Berlin – Tag & Nacht“ und „Köln 50667“ hat Filmpool einen crossmedialen Ansatz etabliert: Soziale Netzwerke wurden mit den Fernsehformaten verbunden. Mit Hilfe von Facebook hatte „Berlin – Tag & Nacht“ schon vor Drehbeginn 300000 Likes im Netz.

Konkurrenten von Filmpool sind Norddeich TV, ein RTL-Tochterunternehmen, und Constantin Entertainment. Die Konkurrenz produziert ähnliche Sendungen. So reagierte Constantin mit „Richter Alexander Hold“ auf „Richterin Barbara Salesch“ von Filmpool. Norddeich strahlte „Der Blaulicht Report“ aus, das „Auf Streife“ ähnelt.

Filmpool unterteilt sich in die Filmpool Entertainment GmbH und die Filmpool Fiction GmbH. Als eine von 22 Tochtergesellschaften von All3Media, einer global agierenden britischen Gruppe von Produktions- und Vermarktungsgesellschaften, produziert Filmpool mit mehr als 700 Mitarbeitern Fernsehprogramme und macht nach Angaben seines Sprechers Felix Wesseler rund 20 Prozent des Umsatzes von All3Media aus. Der Umsatz von Filmpool liege im mittleren zweistelligen Millionenbereich und sei in den vergangenen drei Jahren gestiegen.

Durch Scripted-Reality-Formate, die mit Laienschauspielern produziert werden, habe man die Kosten um rund die Hälfte gesenkt. Laut Medienwissenschaftler Röper belaufen sich die Kosten für Scripted-Reality-Formate auf 2000 Euro je Minute. Eine Sendung kostet somit zwischen 30000 und 60000 Euro. Ein Tatort hingegen verursache Produktionskosten von 15000 Euro in der Minute. Die Produktionskosten von Filmpool seien in den vergangenen Jahren nicht gestiegen, sagt Wesseler, auch wegen der vorgegebenen Budgets der Sender.

Jeden Freitag finden in Köln, Berlin und teilweise zwei bis vier weiteren Städten Castings statt. Nach Wesselers Angaben können bis zu 500 Bewerber erscheinen, die die Möglichkeit haben, in eine Kartei mit 200000 Laiendarstellern aufgenommen zu werden; es ist die größte ihrer Art in Deutschland. Jeden Monat werden 1000 Laien benötigt. Ihre Gage ist abhängig von Dreherfahrung, Drehtagen und dem Aufwand der Rollen. 50 Euro gibt es für einen Komparsenjob wie eine Stunde im Hintergrund sitzen und 500 Euro für einen Drehtag, zuzüglich Reisekosten und Unterkunft.

Die Gründerin von Filmpool, Gisela Marx, entdeckte die Laiendarsteller für die Serie „Jetzt reicht’s“ mit Vera Int-Veen. „Wir fanden oft, dass sie besser waren als die eigentlichen Protagonisten“, erzählt Marx. „Die Generalproben liefen göttlich, und hinterher hakte es, weil die echten Protagonisten nicht so wollten, wie wir es wollten.“

Barbara Salesch, die von 1999 an fast 13 Jahre „Richterin Barbara Salesch“ war, sorgte mit ihrer Sendung für den Durchbruch von Filmpool. Die Sendung begann mit echten zivilrechtlichen Fällen. „Die Realität des Zivilprozesses war jedoch nicht interessant genug für die Zuschauer“, erklärt Wesseler. Daher kam man auf die Idee, die Fälle in einem Skript vorzugeben. Als im Jahr 2001 die Sendung „Zwei bei Kallwass“ als Psychologieshow mit Laien, aber echten Fällen begann, stiegen die Quoten weiter.

Politiker, Fernsehkritiker und Landesmediengestalter haben die Scripted-Reality-Formate freilich kritisiert: Sie verzerrten die Wirklichkeit, verfolgten den falschen Kommunikationsstil und missachteten die Menschenwürde. In einer Studie der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen (FSF) kam man zu dem Ergebnis, viele nutzten diese Sendungen als Orientierung für eigene Konflikte. Weiter hieß es in der Studie, die Sendungen vermittelten oft den Eindruck, einem realen Geschehen zuzuschauen. Die Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung stellte in einer Studie allerdings fest, dass schon Kinder die Gerichtsshow erkennten und als Unterhaltungsform ansähen. In der FSF-Studie steht hingegen, Kinder könnten das Handeln und die Botschaften im Fernsehen zwar wahrnehmen, aber nicht zwischen Fiktion und tatsächlichem Geschehen unterscheiden.

„Die Inszenierung tut so, als würde einfach die Realität abgefilmt. Doch selbst 17-Jährige müssen sich erst mühsam erschließen, dass es nicht die Wirklichkeit sein kann, sonst könnte ja jemand nicht auf frischer Tat mit jemandem im Bett ertappt werden – wer lässt schon ständig andere beim Sex zuschauen“, sagt Medienwissenschaftlerin Maya Götz vom Internationalen Zentralinstitut für das Jugend- und Bildungsfernsehen in München. Problematisch sei auch, dass das in den Sendungen vermittelte Menschenbild kein humanes sei. Jugendschutzbeauftragte sind ebenfalls besorgt: Die Macher der Serien bedienten sich vieler Vorurteile und suggerierten, das Leben bestehe aus Partys.

Laiendarsteller betonen ganz andere Aspekte. Martin Hintzen zum Beispiel, Polizist aus „Der Blaulicht Report“, das von Norddeich TV produziert wird, sagt: „Unter Kollegen und Zuschauern werden wir teilweise belächelt; jedoch haben wir viele Zuschauer, die uns gerne im Fernsehen mitverfolgen. Zudem ist es für uns Polizisten ein gutes Situationstraining, das man ansonsten kaum geboten bekommt.“

Die Quoten von Filmpool stiegen trotz der starken Konkurrenz. Höhepunkt war 2012, als 13 Sendungen parallel produziert wurden. Seit 2016 wird hauptsächlich für Sat.1 gearbeitet; Auftraggeber sind auch RTL2 und Vox. Nach Aussagen von Wesseler hat „Berlin  – Tag & Nacht“ unter den 14- bis 29-Jährigen mit 12 Prozent die höchste Einschaltquote und sei das erfolgreichste Format in Deutschland. Insgesamt schauten täglich 13 bis 15 Millionen Menschen Programme von Filmpool. Sie werden in 18 Länder verkauft. Dabei werden die Drehbücher lokal produziert und vor Ort umgesetzt. Besonders das Format „Verdachtsfälle“ sei international gefragt, sagt Wesseler. Als Kostenführer übe Filmpool Druck auf die Konkurrenz aus, die mit günstigen Produktionen nachziehen müsse. Darunter litten in den 2000er Jahren besonders die Talkshows; sie hätten durch Gerichtsshows viele Zuschauer verloren. „Berlin – Tag & Nacht“ habe 2012 klassische Soaps abgelöst.

Das Erfolgskonzept von Filmpool beschreibt Wesseler als „Idee, in einer täglichen Sendung Laiendarsteller einzusetzen und möglichst authentisch mit ihnen in ihrer Sprache Geschichten zu erzählen“. Man sei innovativ, indem man Genres mische. „Wir benutzen beispielsweise Elemente von Dokusoaps ebenso wie die von fiktiven Filmen.“ Oft wird gefragt, wie viel echt sei. Sanitäter Tolgar Seker aus „Der Blaulicht Report“ sagt: „Ja, die Szenen sind überwiegend realitätsnah, jedoch werden teilweise Szenen weggeschnitten, um den Jugendschutz zu gewährleisten.“

Zur Veröffentlichung in der F.A.Z.

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